Infografik: US-Hubschrauber abgeschossen

US-Soldaten durchsuchen die Trümmer des abgeschossenen "Chinook"-Hubschraubers

Ali Haider
Eigentlich wollten sie in den lange ersehnten Heimaturlaub: Mindestens 16 US-Soldaten starben auf dem Weg zum Flughafen von Bagdad, als ihr Hubschrauber von einer Rakete abgeschossen wurde - der bisher schwerste Verlust für die US-Armee.

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Ali Haidar, Fotograf der Europäischen Presse-Agentur (epa), traf kurz nach dem Unglück am Schauplatz bei Falluja ein. US-Soldaten hatten zwar das abgeerntete Kornfeld mit einem Kordon abgesperrt. Dennoch konnte er den ausgebrannten schwarzen Torso des "Chinook" gut sehen. Mit seinem Arsenal von Teleobjektiven schoss er schnell ein paar Bilder. Kaum hatten die US-Soldaten ihn und die anderen Fotografen entdeckt, stürzten sie sich auf sie. Wer, wie Ali Haidar, clever genug war, hatte schnell den Chip in der Digitalkamera ausgetauscht. Der, den man vor den Augen der echauffierten GIs aus der Kamera zog, war dann leer.

Der Zorn der Amerikaner war verständlich, denn dieser Sonntag brachte erneut keine guten "News" aus dem besetzten Irak. Gegen 9 Uhr morgens waren zwei "Chinooks" am Himmel über Falluja unterwegs. Augenzeugen sahen zwei Raketen hochsteigen, einer der beiden Transporthubschrauber ging nieder und zerbarst in einer Explosion. Von 16 Toten und 20 Verletzten sprach das US-Militär und ließ lange offen, ob es sich bei den Opfern um Amerikaner oder andere Soldaten der "Koalition" handelte.

Heimaturlaub

An Bord der beiden "Chinooks" waren insgesamt 57 US-Soldaten. Sie waren auf dem Weg von ihrer Basis im Westirak zum Bagdader Flughafen, von wo es weiter in den lang ersehnten zweiwöchigen Heimaturlaub gehen sollte.

Falluja ist bekannt für seinen Widerstand. Dieser nährt sich angeblich weniger aus Sympathien für den gestürzten Diktator Saddam Hussein, sondern aus den verletzten Gefühlen der lokalen Bevölkerung. Zu viele Missgriffe hatten sich die US-Besatzer hier geleistet: Schüsse in Protestdemonstrationen, Verhaftungen sunnitischer Geistlicher, demütigende Razzien und vor sechs Wochen, in einem konfusen, nächtlichen Gefecht, die irrtümliche Erschießung von zehn Polizisten, die mit den Amerikanern zusammenarbeiteten.

In Falluja selbst explodierte kurz vor dem Helikopterabschuss am Sonntagmorgen während der Durchfahrt eines US-Konvois ein Sprengsatz. Ein Jeep brannte aus. Jugendliche vollführten Freudentänze um das verkohlte Wrack.

Leere Schulen

Während die US-Armee im "sunnitischen Dreieck" - dem Unruhegebiet nördlich und westlich von Bagdad - ihren schwersten Anschlag seit dem Sturz des Saddam-Regimes im April hinnehmen musste, hielten wilde Gerüchte am Wochenende Bagdad in Atem. Gestreut hatten sie offenbar Saddams ehemalige Geheimdienstler. Ab Samstag würde eine neue Terrorwelle durch Bagdad jagen, hieß es, und nach den Polizeiwachen stünden dieses Mal Schulen ganz oben auf der Liste von Selbstmordanschlägen.

Letztlich passierte nichts in der Hauptstadt, doch die Flüsterpropaganda verfehlte ihre Wirkung nicht. Am Samstag, dem ersten Tag der islamischen Arbeitswoche, standen die Schulen praktisch leer. Auch Erwachsene wagten sich erst am Nachmittag aus den Häusern. Am Sonntag erschienen wieder mehr Kinder zum Unterricht.

In der Aluja-Grundschule im Stadtteil Karade war es ungefähr die Hälfte, berichtete deren Direktorin Jihan Saalem. "Deshalb haben wir heute wieder ganz normal Unterricht", sagte sie. Ihre Schule war nach dem Sturz Saddams am 9. April vom Vorstadtmob geplündert und verwüstet worden. Über den Sommer wurde sie von den Amerikanern wieder einigermaßen hergerichtet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2003)