Der Mann am Ende der Meute sagt, wir sollten stehen bleiben. Wir könnten, erklärte er, nicht zurück gehen. Von der Gruppe, sagte der Mann als wir uns nicht darum scherten, dürften wir uns nicht entfernen. Er gehe, sagte er schon etwas lauter – dabei waren wir noch gar nicht so weit weg – ja nicht ohne Grund ganz hinten: Er trage die Verantwortung. Und – er brüllte – wir sollten umdrehen, zurückkommen und mit der Gruppe weiter gehen. Sofort.

St. drehte sich kurz um: Ob er uns denn in den Wienfluss werfen wolle, fragte er in Richtung der hysterisch durch die Dunkelheit zuckenden Taschenlampe. Oder ob er uns jetzt ein Strafmandat ausstellen wolle. Wegen des illegalen Verlassens einer nicht genehmigten Veranstaltung. Dann drehten wir – St.s Freundin D, St. und ich – wieder um und wanderten weiter. Flussaufwärts Richtung Pilgramgasse.

Fackelzug

Einmal blieben wir noch stehen. Als etwa hundert Meter zwischen uns und dem Schlussmann lagen, blickten wir der Prozession nach. Und das war wirklich ein schaurig-schöner Anblick: 300 Menschen wanderten da den Wienfluss entlang. Der Flusslauf war alle paar Meter mit Kerzen markiert. Die Fackeln der Prozession wurden vom schwarzen Wasser reflektiert und leuchteten das Gewölbe schummrig fein aus. Und aus der Entfernung nervten nicht einmal die Trommeln.

Eigentlich hatten wir ja richtig mitgehen wollen. Ich, weil ich vor mittlerweile fast zehn Jahren auch bei R.s erster Kanaltour dabei gewesen war. St. und D. weil ich ihnen so oft von dem komischen Kauz mit Vollbart erzählt hatte, der damals in mein Büro marschiert war, mir etwas von seinem „Techno-Song“ (das waren seine Worte) erzählt hatte, mir eine Audiokassette mit Bontempi-Sound und den kläglichsten Raps aller Zeiten in die Hand gedrückt hatte, von seinem „Creativ Büro“ („es gibtnur ein Creativ Büro“, wiederholte er immer wieder, dort würden „Projekte der ungewöhnlichen Art“ ausgeheckt) erzählt und erklärt, er würde nun eine Sensation schaffen: Touren durch die Wiener Unterwelt. Eine Weltneuheit. Meinen Einspruch, dass es das längst gäbe, ignorierte er.

Ritter, Verse, Trommeln

Ich war dann bei der ersten Tour von R. dabei. Eine handvoll Leute kletterte beim stadtparkseitigen Wienflusstunnelende ins Flussbett. R. hatte sich irgendwo einen Schlüssel für das Stiegenhaus beim Kursalon besorgt – dass es wenige Meter weiter eine versteckte, immer offene Treppe gab, hatte er nicht bemerkt -, teilte Fackeln aus und marschierte los. Dem Naschmarkt entgegen. Irgendwo trommelte einer. Irgendwo tauchten Ritter auf. Irgendwo las einer schaurig gereimte Verse: Es war alles zu gewollt und recht kläglich – aber die Besucher waren nicht nur fasziniert, sondern begeistert: Den Wienfluss entlang zu wandern war für sie eben ein Stadtabenteuer, das sich selbst zu organisieren ihnen nie eingefallen wäre.

Ich – rüffelte mich damals ein Freund – solle gefälligst nicht so überheblich sein: Nur weil es in unserer Schulzeit eine gängige Mutprobe gewesen war, nur mit einem Feuerzeug von der Pilgrambrücke zum Stadtpark zu wandern, bräuchten wir nicht davon auszugehen, dass jeder wisse, dass das einfach und gefahrlos (vorausgesetzt es hatte davor nicht geregnet) gehe. Beim ersten Mal, erinnerte mich der Freund, hätten wir ja auch bei jeder Ratte fast in die Hose gemacht. Und in die Seitengänge hätte ich mich allein mit meinem Feuerzeug zunächst auch nicht getraut. Ich solle also hübsch artig sein und mich nicht über anderer Leute Abenteuer lustig machen.

Massentourismus

Wie es sich herausstellte, hatte R. recht: Fast 85.000 Leute haben seit dem ersten Mal an seinen geführten Kanalführungen teilgenommen. CNN hat darüber berichtet. Und bis zu 400 Leute haben sich gleichzeitig von R. für Geld führen lassen. Und R. hat immer den Eindruck entstehen lassen, man lasse sich auf etwas halb verbotenes, waghalsig-geheimnisvolles und auch ein bisserl verrucht-gefährliches ein. Darum war ich erstaunt, als R. neulich mailte, es stehe die letzte Tour an. Weil die Stadt – auf Grund von Kanalbauarbeiten – das nicht erlaubte Begehen des Tunnels nun untersage. Und weil St. und D. sich das Verbieten des Verbotenen auch nicht erklären konnten, waren wir dann eben angereist. So wie gut 300 andere Menschen auch.

Während R. erklärte, dass das illegale Abenteuer von den Behörden nun untersagt würde (und kein Mensch sich über den Widerspruch laut wunderte) beschlossen wir, die Tour ohne Getrommel zu machen: Die kleine Eisentreppe zum Fluss – vis a vis der Rosa Lila Villa – zu finden ist ja keine Kunst. Und unten kann man sich auch nicht verlaufen. St. und D. waren begeistert. Aber als hinter uns dann das Getrommel einsetzte, beschlossen wir, ein anderes Mal wieder zu kommen. Schließlich, meinte St., buche er ja auch keine Kaffeefahrten, wenn er eine Stadt sehen wolle. Wir drehten um und gingen der Meute entgegen. Die Leute sahen uns fassungslos an.

Der Mann am Ende der Gruppe wurde laut, als wir nicht mit der Herde trotten wollten. Das Echo seines Gebrülls war weit zu hören: Er trage doch die Verantwortung. Und wo käme man denn hin, wenn jeder herumwandere, wie es ihm gerade in den Sinn käme. Schließlich sei das hier ja die Unterwelt.