Jenen Frühlingstag, an dem er im Verkehrsministerium um Hilfe gegen seine 47.000 Eisenbahner bat, verflucht ÖBB-Generaldirektor Rüdiger vorm Walde vermutlich. Denn die Geister, die er zum Kampf gegen die einfluss- und trickreichen Personalvertreter rief, wird er nicht mehr los.

Tagtäglich muss der von den Berliner Verkehrsbetrieben weggelobte Bahnchef gute Miene zum bösen Spiel jener Politiker und deren (weisungsgebundenen) Beamten machen, die vorgeben, Österreichs größtes Infrastrukturunternehmen zu reformieren.

Längst ist den ÖBB-Ma- nagern nämlich - und nicht nur ihnen - klar, dass die von Infrastrukturminister Hubert Gorbach und seinem Staatssekretär Helmut Kukacka angepeilte Bahnreform samt angeschlossenem neuen Dienstrecht zu einem Bumerang wird.

Einmal abgesehen davon, dass es zumindest merkwürdig anmutet, wenn ein hochbezahlter Manager den Eigentümer um Unterstützung gegen seine Belegschaft ersucht, stellt sich doch die Frage, ob Schwarz-Blau für den Kehraus in der schwer reformbedürftigen ÖBB auch wirklich die richtigen Besen eingesetzt hat. In funktionierenden Großkonzernen werden zuerst die viel zitierten Hausaufgaben gemacht, ehe es heißt, ein neues Gesetz her muss.

Hausaufgabe heißt im Fall ÖBB: alle Möglichkeiten des üppig mit Sonderregelungen ausgestalteten Dienstrechts ausreizen und die mit hohem Aufwand lausiges Service bietende, jährlich aber Milliarden verschlingende Bahn auf Vordermann bringen.

Genau das Gegenteil ist der Fall. Zwei Jahre ließ man die Zügel schleifen, obwohl das bestehende Dienstrecht selbstverständlich Kündigungen unproduktiver Mitarbeiter zulässt. Auch die unzeitgemäßen Turnus-, Winterurlaubs-, Feiertags- und sonstigen Zuschläge könnten schon jetzt abgeschafft werden, ganz ohne Gesetzesänderung. Der beste Beweis dafür sind Tausende Eisenbahner, deren Löhne und Gehälter bereits seit Jahren mittels Schichtzuschlägen, Durchrechnungszeiträumen und Leistungsabrechnungen erstellt werden. Solche gibt es, auch wenn es niemand hören will.

Nun, wo der Gesetzgeber sich anschickt, die Entgelte von 40-jährigen ÖBBlern einzufrieren und mit der Brechstange ein neues Dienstrecht durchzusetzen, dämmert es plötzlich allen, dass nach der Reform alles teurer sein wird - um bis zu 25 Prozent, wie in schwachen Stunden grummelnd aus der Unternehmensleitung verlautet. In der Zwischenzeit vernichtet die völlig in der Erfüllung divergierender Politikerwünsche aufgehende Bahnführung jene wertvollen Ressourcen, die sie dringend bräuchte, um sich im europäischen Wettbewerb richtig aufzustellen.

Die Voraussetzungen dafür wären im Prinzip gar nicht schlecht, denn die gegenüber internationalen Bahngesellschaften vergleichsweise winzige ÖBB schreibt im Güterverkehr Gewinne. Davon kann die gern zitierte schweizerische SBB nur träumen. Verbesserte die ÖBB nun auch noch ihre Effizienz, könnte sie vermutlich locker mithalten.

Ein Kurswechsel ist daher dringend nötig, und zwar auf mehreren Ebenen. Die Politiker etwa sollten in EU-Weißbuch und -Richtlinie nachlesen, dass Europas Bahnen tunlichst zu entschulden sind und auf selbstständige Wirtschaftsstrukturen gestellt werden sollen.

Kommt die Bahnreform wie geplant, ist bei der ÖBB beides nicht gewährleistet. Denn die neuen Finanzierungsströme stellen lediglich sicher, dass die ÖBB in fünf Jahren wieder vor dem Prellbock des Finanzministers steht und frisches Geld braucht. Zum anderen sollte der mit unnötigen Tunnelprojekten überfrachtete Generalverkehrsplan ausgemistet werden, diese erhöhen nur den Kostendruck, bringen aber keine Wertschöpfung.

Dass die Gewerkschaft in dieser Konstellation seit vierzig Jahren erstmals alle Räder stillstehen ließ, darf nicht verwundern. Eine Lösung wird der Arbeitsausstand freilich nicht bringen, kämpft die Gewerkschaft doch in Wahrheit für die Bahn von gestern. (DER STANDARD Printausgabe, 5.11.2003)