Aachen - Im Aachener Prozess um die Morde an den Geschwistern Tom und Sonja hat der Angeklagte Markus W. seinen mutmaßlichen Komplizen Markus L. als treibende Kraft im Vorfeld des Gewaltverbrechens dargestellt.

Schuldzuweisung

Sein Mitangeklagter habe "eigentlich immer" gesagt, "wo's lang geht", betonte der 28-jährige W. am Donnerstag vor dem Landgericht. Er bezog sich mit dieser Aussage auf angebliche Pläne der beiden mutmaßlichen Mörder für die Gründung eines Kindersexrings, zu denen der Vorsitzende Richter Gerd Nohl den 28-Jährigen am zweiten Prozesstag befragte.

Kindersexring

W. gab vor Gericht an, L. habe vor der Entführung und Ermordung des Geschwisterpaares die Gründung eines solchen Kinderpornorings vorgeschlagen. Dabei habe der 33-jährige L. angeblich Kontakte zu einem Aachener Barbesitzer nutzen wollen, dem auf diese Weise "junge Mädchen" zugeführt werden sollten. Er habe entsprechende Pläne von L. jedoch als dessen "Phantasien" betrachtet, erklärte W.

Keine Beziehungen zu Frauen

Zum Auftakt des zweiten Verhandlungstages äußerten sich beide Angeklagte auf Fragen des Vorsitzenden Richters ausführlich zu ihren persönlichen Verhältnissen. Der arbeitslose Gebäudereiniger L., der zu den Morden an Tom und Sonja vor Gericht zunächst schweigen will, wuchs nach eigenen Angaben in "zerrütteten Verhältnissen" auf. "Die ganze Familie war immer zerrüttet, ich kenne das gar nicht anders." Für seine mehrfach geschiedene Mutter empfinde er Hass. Wohl gefühlt habe er sich erst bei der Bundeswehr. Enge Beziehungen zu Frauen hatte der 33-Jährige nach eigenen Angaben nie. Vor Gericht berichtete er unter anderem von Prostituierten, die er sich "drei oder vier Mal" nach Hause bestellt habe.

Tränen

W. berichtete mit stockender, manchmal weinerlicher Stimme von Streitigkeiten vor allem mit seinem Vater, von dem er als Kind ebenso verprügelt worden sei wie von seinen Mitschülern. "Ich war der kleinste und schmächtigste in der Klasse", betonte der Industrieelektroniker, der bereits zum Prozessauftakt am Mittwoch bei der Verlesung der Anklage in Tränen ausgebrochen war. Sexuelle Beziehungen zu erwachsenen Frauen habe er nicht gehabt, sagte der 28-Jährige.

Als einzigen Erfolg in seinem Leben nannte W. seine Wahl zum Vorsitzenden der Jungen Union in seiner Heimatstadt Eschweiler im November 2001. Allerdings sei er schon bald in dieser Funktion von seinem Stellvertreter "lächerlich gemacht" und gemobbt worden.

Verlauf

Das Verbrechen an Tom und Sonja aus Eschweiler hatte vor rund sieben Monaten Entsetzen ausgelöst. Die Kinder waren Ende März unweit ihres Elternhauses entführt worden. Tom wurde laut Ermittlungen kurz darauf erwürgt. Anschließend sollen die beiden Männer die neunjährige Sonja sexuell missbraucht und am folgenden Tag ebenfalls erwürgt haben. Die beiden Verdächtigen wurden am 17. April nach tagelanger Flucht in der Schweiz gefasst. Die Anklage gegen sie lautet auf gemeinschaftlichen Mord in zwei Fällen, Freiheitsberaubung mit Todesfolge und sexuellen Missbrauch. (APA)