Wien - Beate, eine 30-jährige Tirolerin und Mutter dreier Kinder, hat in drogenabhängigen Irrläufen in Wien mit wenig Aufwand fast nichts erbeutet, aber großen und irreversiblen Schaden angerichtet. Sie hat fünf betagten Frauen in Wien die Handtasche vom Leib gerissen. Sie hat so fest daran gezerrt, das die alten Damen zu Sturz kamen und sich dabei verletzten. Ein Wiener Geschworenengericht verurteilt Beate wegen schweren Raubes zu sieben Jahren Gefängnis.

Sonst gibt es von dieser Verhandlung, so grotesk es klingen mag, nur Gutes zu berichten. Berührend und menschlich beeindruckend gestaltete sich der Zeugenauftritt von drei Opfern der Überfälle. Zum Erstaunen der Zuhörer überwog bei ihnen das Mitleid mit der Täterin über den Schmerz ihres eigenen Schicksals.

Eine 70-jährige Rentnerin hatte sich beim Sturz nach dem Überfall den Arm gebrochen. "Ist sie das?", fragt der Richter. "Ja, aber ich hätte sie nicht wieder erkannt. Sie sieht heute viel gepflegter aus", sagt die Zeugin sichtlich erfreut.

Beate ist seit einem halben Jahr clean

Beate ist nicht nur adrett gekleidet, sondern auch seit einem halben Jahr clean. Sie hat sich in Briefen bei allen Opfern entschuldigt. Die betagte Zeugin bedankt sich nun dafür. "Das müssen Sie wirklich nicht", sagt der Anwalt der Angeklagten verschämt. Er und Beates Familie haben dafür gesorgt, dass die überfallenen Seniorinnen wenigstens finanziell bereits voll entschädigt sind.

Über Beate erfährt man, dass sie mit 19 süchtig wurde und ihre Friseurlehre abbrach. Ihr späterer Lebensgefährte, ein oberösterreichischer Landwirt, schien sie aus dem Sumpf zu ziehen. Drei Jahre nahm sie keine Drogen, aber im Dorf blieb sie als "Junkie" geächtet. So floh sie nach Wien, wo sie bald wieder dem Heroin verfiel. "Ich bin dann durch die Straßen g'rannt und hab' nimma g'wusst, was ich tu", sagt sie.

Die 70-jährige Zeugin, selbst noch im täglichen Kampf mit dem Trauma des Überfalls, wendet sich schließlich der Angeklagten zu und sagt: "Sie tun mir sehr Leid. Ich weiß ja nicht, wie Ihnen das alles zugestoßen ist. Ich wünsche Ihnen jedenfalls alles Gute." (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 6.11.2003)