Die Chillout-Zone

Computergrafik: Le Méridien
Nicht, dass prunkige Hotelburgen an der Wiener Ringstraße Mangelware wären, aber ein bisschen frischer Wind, der zwischen die ehrwürdigen Fassaden von Imperial, Sacher, Bristol und Co pfeift, kann auch nicht schaden. Die Windmaschine heißt im akuten Fall Le Méridien und eröffnet am 11. November am Opernring 13 - das ist ungefähr zwischen den Denkmälern von Goethe und Schiller, schräg vis-a-vis der Akademie der Bildenden Künste.

Ebenfalls keine Mangelware sind im Falle der Gruppe Le Méridien Hotelzimmer, immerhin bringt es die Company auf 35.248 Zimmer in 135 Hotels und 56 Ländern. Da kommt's wohl auf die 261 Zimmer und 33 Suiten am Opernring auch nicht mehr an. Außerdem ist es das erste Haus von Le Méridien in Österreich, was vor allem den Boss der Gruppe, den 63-jährigen Jürgen Bartels freut. "Wir wollen mit diesem Haus am Stil dieser Stadt teilnehmen. Wir wollen Wien helfen, und Wien soll uns helfen", lauten die Worte des Mannes, der wissen muss, wovon er spricht. 1966 wurde er zum ersten Mal General Manager genannt, von 1998 bis 2000 war er für über 700 Hotels verantwortlich. Die Marken hießen unter anderem Sheraton, Westin und St. Regis.

Das neue Hotel am Ring, eine Investition von circa 110 Millionen Euro, besteht aus insgesamt drei Jahrhundertwende-Häusern, ist freilich sehr schick und reiht sich zumindest äußerlich in den bereits erwähnten Prunk vorhandener Nobel-Herbergen rund um den ersten Bezirk ein. Doch kommen wir zum Eingemachten: Das Innenleben, für welches die Architektin Yvonne Golds von den "Real Studios" London verantwortlich zeichnet, hätte in seiner gestalterischen Geradlinigkeit wohl besonders einem Piet Mondrian gefallen, auch wenn die kurvenlose Struktur ohne dessen knallige Farben auskommt. Geraden beherrschen vor allem den Eingangsbereich, den die Architektin, die zum Beispiel durch die Innenraum-Gestaltung des Manchester "Imperial War Museum" von Daniel Libeskind bekannt wurde, als Bühne für die Gäste verstanden haben will. Heimische Kunst in Vitrinen soll das Bühnenbild ergänzen. Was den Stil der hier gezeigten Kunst betrifft, hüllt man sich derweilen noch in Schweigen. Doch aus den Nasen der Verantwortlichen gekitzelte Namen wie Ilse Haider oder Gudrun Kampl lassen ahnen, dass man auch hier dem Staub, der mitunter auf anderen Prunkhotels haftet, keine Chance geben will.

Auch der Hoteldirektorin, Gabriela Benz, gefällt der Gedanke an die "Bühne" für ihr "Hotel ohne Vorbild", das weiters als "Open Space" jedem Gast zur Verfügung stehen soll. Das Haus im Besitz der Objekt Opernring Liegenschaftsverwertung GmbH vermittelt den Eindruck von Offenheit, die Farben Lila, Creme, Violett, Feuerwehrautorot, dunkles Holz, Lichtschneisen, etwa im Dach des Restaurants, in dem Küchenchef Christoph Brandstätter eine "kulinarische Weltreise" servieren will, entsprechen internationalen Zeitgeist-Tempeln. So genannte Chill- out-Zones dürfen da freilich auch nicht fehlen, man findet sie ebenso wie gelegentlich einen DJ, wenn man den im Boden eingelassenen Leds nahe der Bar folgt. Der First Barman, der hier rühren und schütteln wird, stand bereits in Diensten des First Floor im Bermuda-Dreieck.

Das Rezept für eine konsequente Gestaltung vom Hoteldach bis zum Eingangsbereich beruht auf dem Le Méridien-Konzept "Art + Tech", ein anderes orientiert sich übrigens am Biedermeier, Bartels umschreibt es mit "Biedermeier mit Pfiff". In den Bereich Art fallen im Le Méridien Bilder und Fotos, die in Wandpaneelen oder Tischen eingelassen und indirekt beleuchtet werden. Im Wiener Haus finden sich am Kopfende des Bettes - Bartels meint, Le Méridien biete mit 34 cm Matratzenstärke die besten Schlafstätten - in Glas eingearbeitet Motive wie Lipizzaner, Kaffeetassen oder vom Stephansdom abgekupferte gotische Bögen. Das kann wohl kaum als revolutionäres Kunstkonzept bezeichnet werden, der Lichtschein kommt aber sehr angenehm und dezent rüber. Außerdem fällt es dem von Jetlag geplagten Globetrotter dadurch bestimmt leichter, eine Antwort auf die Frage "Wo bin ich" zu finden.

Bis auf diese Motivwahl ist im Haus sonst wirklich nichts Schnick-Schnack-Verdächtiges zu finden. Im Wiener Kaffeehaus in der unteren rechten Ecke des Gebäudes mag man's klassisch. Holztäfelung, weiße Thonet-Stühle, hellblau bespannt sollen auch im brandneuen Le Méridien traditionelles Flair verströmen, was den von weit Angereisten natürlich weitaus mehr erfreuen dürfte als den diesbezüglich verwöhnten Einheimischen. Der Spielplan des Tech-Bereich spielt eine Menge Stückeln, ein "Da-schau-Her" entlockt etwa der 106 cm messende Plasma-Flachbildschirm, allerlei Anschlüsse ans weltweite Netz, Wireless-Lan Bereiche und allerorts stattfindende Lichtspiele. Und sogar im Zimmersafe findet der Laptop Anschluss ans Stromnetz.

Fürs Konferieren bietet das Hotel insgesamt 1100 Quadratmeter, fürs Parkieren 220 Plätze, fürs Regenerieren 420 Quadratmeter Spa-Fläche, in Sachen Schnabulieren im Lounge-Restaurant für 140 Gäste steht dem erwähnten Küchenchef Brandstätter der Pariser 2-Sterne-Koch Michel Rostang zur Seite. Wer sich nach einem ausgiebigen Schmaus zurückziehen will, löhnt während der Eröffnungsphase 135 Euro, später 305 Euro fürs Einzel- und 355 Euro fürs Doppelzimmer. Die Tür einer Suite öffnet sich laut Spielplan ab 650 Euro. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/7/11/2003)