Wenige Tage nach der Kritik des US-Milliardärs George Soros an der Yukos-Affäre hat Spezialpolizei das Moskauer Büro der Soros-Foundation geschlossen. Wegen eines Streits um Mietzahlungen hätten private Sicherheitsdienste die Räumlichkeiten des Open-Society-Instituts schließen müssen, teilte die Eigentümergesellschaft des Gebäudes, Sector-1, am Freitag mit. Es gebe offenbar eine Verbindung zwischen der Festnahme des Yukos-Konzernchefs Michail Chodorkowsi am vergangenen Wochenende und der Schließung der Büros, sagte die Leiterin der Moskauer Soros-Vertretung, Jekaterina Genijewa, dem Radiosender Moskauer Echo. Die Stiftung habe allerdings keine gemeinsamen Projekte mit Yukos.

Der aus Ungarn stammende Devisenspekulant Soros hatte in einem Zeitungsinterview die Festnahme von Chodorkowski als politische Verfolgung kritisiert, die auf die Unterwerfung von Unternehmern durch die Politik hinauslaufe. Die Stiftung von Soros, der auch Gastbeiträge für den STANDARD schreibt, fördert die Verbreitung zivilgesellschaftlicher Strukturen und ist vor allem in den früher kommunistischen Staaten Osteuropas aktiv.

Auch Chodorkowski werden in Moskau politische Ambitionen zugeschrieben. Im Ausland wird er sogar zu einer Putin-Alternative hochgespielt. Doch Chodorkowski ist wie Soros auch Jude. "Neunzig Prozent der Bevölkerung empfinden Genugtuung über seine Verhaftung", so ein jüdischer Unternehmer zum STANDARD: "Ginge es um einen nicht jüdischen Oligarchen, wären es 50 Prozent."

Die UdSSR gab sich offiziell antisemitisch. Das postkommunistische Russland vertritt die gegenteilige Position. Präsident Wladimir Putin hat ein klares Bekenntnis zu einem multikonfessionellen und multinationalen Gemeinwesen abgegeben. Und Russlands Oberrabbiner Berl Lazar konstatierte: "In Russland ist nicht nur der staatliche Antisemitismus ausgemerzt, auch das Niveau des Alltagsantisemitismus sinkt ständig."

Aber nun nimmt er wieder zu. Juden leben in Russland nicht schlechter als andere Bürger. Dass aber viele von ihnen in der schwierigen Situation zu Geld gekommen sind, schafft den Neid, der sich rassistisch manifestiert.

Nur nebeneinander

Der Antisemitismus wird so zum Ausdruck einer Idee von etwas Russischem, das sich als Mitgefühl, Emotionalität und starker Patriotismus definiert - daher kann es laut Alexander Solschenizyn zwischen Russen und Juden auch kein Miteinander, sondern nur ein Nebeneinander geben. So geriert sich der Antisemitismus als Abwehr mentalitätsmäßig fremder Einflüsse. Die amerikanische Vereinigung jüdischer Räte hielt fest, dass der Machtgewinn der Geheimdienste unter Putin den Antisemitismus fördere, weil dieser häufig mit antiwestlichen Stimmungen einhergehe. (DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.11.2003)