Ronald Pohl

Der große, in seiner Befähigung zur (wiederum zurückgenommenen) Übertreibung unnachahmliche Schauspieler Klaus Maria Brandauer säße, befragt danach, was er denn Unsterbliches bisher geleistet hätte, auf einem verwegen glitzernden Scherbenhaufen: als König auf einem abgewirtschafteten Land - ein Lear, lange bevor sich die Frage nach einem satisfaktionsfähigen Alterswerk für ihn, als 60-Jährigen, biologisch überhaupt stellt.
Der mittlerweile fünfte Band in der von der "edition burgtheater" verantworteten Theaterbuchreihe im Residenz Verlag übertitelt die Anstrengung, des naturwüchsigen Altausseers beschreibend habhaft zu werden, mit Die Kunst der Verführung: Als stütze sich ein tatsächlich übermannshohes Mimenwerk auf nichts anderes als die Vorspiegelung von Tatsachen, die ein schwer einzuschätzender Star, der obendrein seiner Provinzialität wie einer liebenswerten Marotte huldigt, zwischen sich und die dürre, ihm verachtenswert erscheinende Wirklichkeit schiebt.
Autorin Christine Dössel, in ihrem wirklichen Leben Journalistin der Süddeutschen Zeitung, modelliert einfühlsam das vorsätzlich "wilde" Porträt dieses Jahrhundertschauspielers: wirft ihm die notorische Unberechenbarkeit um die Ohren, seine Wildheit, die notorische Ra(s)tlosigkeit, die Brandauer offenbar dazu bestimmt hat, bloß einen kläglichen Bruchteil der tatsächlich angepeilten Theaterprojekte ins Werk zu setzen.

Mit seiner Unzugänglichkeit, die sich vielleicht in der Tat auf ein bloß ungesund übersteigertes Selbstwertgefühl stützt, hat Brandauer denjenigen Verdächtigungen fahrlässig Nahrung gegeben, die heute seinen Nimbus merkbar zu schmälern beginnen.

Kürzer gesagt: Weder ein stets interessant gespielter Prinz Hamlet (in der berühmten Hollmann-Inszenierung der Benning-Burg 1985, die weit über hundertmal das Temperament nachwachsender Theaterverrückter mitbestimmte) noch eine desaströs selbstgefällige Hamlet-Inszenierung 17 Jahre danach an eben demselben Haus vermögen die Legende zu stützen, Brandauer hätte dem Theater das Beste, was seine fantastischen Kräfte vermöchten, auch tatsächlich vermacht.
Das Burgtheater-Buch nimmt dennoch für Brandauer, den Schwierigen, der seinen Shakespeare "Willi" nennt, ein. Das liegt weniger an seinen gemütvollen Verdikten über das "Regietheater" - dessen Verballhornung doch nur meint, dass hinter der Weisheit der Alten ein ungekannter Rest stecke, den keine vulgärhermeneutische Textversklavung mir nichts, dir nichts zu entbergen versteht.

"Es war nicht meine Absicht, zu interpretieren, ich wollte Sätze, so wie Schlegel sie übersetzt hat, so nahe wie möglich an die Menschen im Publikum heranbringen": An diesem "heran" freilich scheitert auch die Gutherzigkeit eines Kraftkerls, der doch meint, zu den nicht mehr befragbaren Großen des Gewerbes - Shakespeare, Schiller, Schnitzler - angeblich einen direkten Draht der Eingebung zu unterhalten.


Zerrüttung der Nerven

Erleuchtung: Es nimmt für Brandauer, dieser merkwürdigen Mischung aus Hörensagen, Nimbus und ausgelebter Zickigkeit, gleichwohl ein, dass er seine Erfolge (Mephisto, James Bond) nur unter ganz ungeheuren, kostenintensiven Schwierigkeiten zustande gebracht hat. Die Diva ist ein ganz gewöhnlicher Mensch. Und der leidet - wohl mehr, als ein Devotionalien-Buch es zu zeigen vermag, und zerrüttet seine Nerven.
In Brandauer, dem Mythos, laufen die altehrwürdigen Stränge der kakanischen Selbstkritik, die immer auch ein Leiden an der "schimärischen" Welt ist, planmäßig zusammen: Weil dieser Schauspieler fast nichts außer sich und Fritz Kortner gelten lässt, also planmäßig Raubbau am Ich betreibt - trifft er jene Hofmannsthal-Beschreibung des großen Hermann Broch, die für alle einheimischen Naturgenie-Größen in schmerzlicher Übersetzung gelten mag: Er, der junge Hofmannsthal, träumte nicht bloß seine Dichtung - diese wurde ihm, im Medium des Theaters, jene Instanz, die ihn, den kleinen Loris (Jung Hofmannsthal), träumend überhaupt erst hervorbringt. Am Schluss ist nichts mehr wirklich, am wenigsten man selbst. Oskar Werner und Helmut Qualtinger handelten danach - weil sie davon handelten.

Von diesem Stoff, der nicht mehr ganz von dieser Welt ist und auf schmalem Grat liegt, handelt auch das Wunder KMB.
Christine Dössel: Die Kunst der
Verführung. Das Ein-Mann-
Theater des Klaus Maria
Brandauer. Euro 34,90.