London - Als Richard Wollheim 1963 am University College in London das Institut für Philosophie übertragen wurde, war er selbst überrascht: "Es war, als würde ich zwar im selben Strom mit den anderen, aber darin gegen die Gezeiten schwimmen", erzählte er später. Wollheim schwamm gewissenhaft. Er gehörte zu jenen Denkern, die die Praxis der angloamerikanischen analytischen Philosophie veränderten.

Er hatte wenig Interesse an der Analyse von Sprache oder künstlichen Sprachsystemen. Eher war er der Ansicht, dass man mit den Methoden analytischer Philosophie noch viel mehr verstehen könne. Als Philosoph verpflichtete er sich zentralen Themen der bildenden Kunst und fragte sich, wie der Betrachter ein Bild erlebt. In Objekte der Kunst (1963) und Painting as an Art (1987) legte er seine Bildtheorie dar: Wir sehen ein Objekt in der Spur, die die Farbe auf der Bildoberfläche hinterlässt, statt einfach nur die Spur zu sehen - wie Gesichter in Wolken. Bildhafte Wahrnehmung unterscheidet sich von dieser primitiven Fähigkeit darin, dass wir das in einem Gemälde sehen, was vom Künstler beabsichtigt ist. Der Betrachter erkennt den Vorsatz aus dem Aussehen des Bildes.

Obwohl neuere Bildtheorien auch durch die Auseinandersetzung mit digitalen Medien eine eigene Richtung einschlagen, zählt die von Wollheim nach wie vor zu den interessantesten. Vielleicht auch deshalb, weil er auch Fragen der Psychologie stellt - etwa wenn er den Blick des Aktmodells analysiert, wenn es das Begehren des Künstlers entdeckt. Wollheim, 1923 in London geboren, lehrte bis 1982 am University College und danach an der Columbia University. Er starb am 4. November 80-jährig an einem Herzinfarkt. (east/DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2003)