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In Vietnam leiden noch immer tausende Menschen an den Folgen des Krieges. Dieses Mädchen ist durch den Einsatz des Pflanzengiftes Agent Orange behindert.

Foto: Reuters/Dematteis
Hanoi/Washington - Mit dem am Samstag beginnenden offiziellen Besuch von Verteidigungsminister General Pham Van Tra in Washington besiegelt Vietnam dreißig Jahre nach dem Ende des Krieges die Versöhnung mit den USA. Während seines fünftägigen Aufenthalts in der US-Hauptstadt wird der General, der als Mitglied des Politbüros der KP dem innersten Führungskreis in Hanoi angehört, mit seinem Ressortkollegen Donald Rumsfeld, Außenminister Colin Powell und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice Gespräche führen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Hanoi sollen die bilateralen Beziehungen durch eine Zusammenarbeit auf militärischem Gebiet ergänzt werden.

Sorgen um Chinas Macht

Die USA sind über den chinesischen Machtausbau im pazifischen Raum zunehmend besorgt, Vietnam widersetzt sich der regionalen Hegemonie Pekings. Der Streit um die Abgrenzung der Territorialgewässer und die Nutzungsrechte der maritimen Bodenschätze hat sich im vergangenen Jahrzehnt kontinuierlich verschärft. Das Konfliktpotenzial ist in Anbetracht der wirtschaftlichen Aspekte beträchtlich. Nach Ansicht amerikanischer Experten könnte es im Süchinesischen Meer zu einem Konflikt kommen, falls Peking die Schifffahrtswege bedrohen und die USA etwa auf Ersuchen der Philippinen oder Vietnams einschreiten sollten. Auch Indonesien ist involviert, weil sich der chinesische Anspruch mit der 200-Meilen-Zone um die indonesische Insel Natuna überschneidet. Dort liegt eines der größten Erdgasvorkommen der Welt.

1973 war in Paris das "Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam" unterzeichnet worden. Der damalige US-Außenminister Henry Kissinger und der nordvietnamesische Chefunterhändler Le Duc Tho hatten dafür den Friedensnobelpreis erhalten (Le Duc Tho lehnte die Annahme ab). 1975 brach das südvietnamesische Regime zusammen, das seit 1954 geteilte Land wurde wiedervereinigt.

Im März 2000 hatte der damalige US-Verteidigungsminister William Cohen das südostasiatische Land besucht. Im November 2000 wurde US-Präsident Bill Clinton in Vietnam ein begeisterter Empfang zuteil. Er hatte 1994 das US-Handelsembargo aufgehoben und ein Jahr später diplomatische Beziehungen herstellen lassen.

Mit 58.000 gefallenen Soldaten - 1.600 US-Militärangehörige werden bis heute vermisst - ist der verlorene Krieg in Indochina für die Vereinigten Staaten ein nationales Trauma geblieben. Vietnam seinerseits verlor mehr als drei Millionen Menschen, darunter zwei Millionen Zivilisten. In Indochina hatte die US-Armee mehr als 13 Millionen Tonnen Munition eingesetzt - dies entspricht der Sprengkraft von 450 Hiroshima-Bomben und der doppelten Menge der auf sämtlichen Kampfschauplätzen des Zweiten Weltkriegs verwendeten Munition. Vietnam "bekam" quantitativ das Dreifache aller zwischen 1939 und 1945 über Europa abgeworfenen Bomben. Im Süden vernichtete der chemische Krieg die Hälfte der Wald- und landwirtschaftlich genutzten Fläche.

Vietnams Regierung hatte die amerikanische Irak-Invasion als "üblen Völkerrechtsbruch" und "grobe Verletzung" der UNO-Charta verurteilt. Prominente vietnamesische Militärveteranen erwarten einen langen Krieg im Irak mit einer unbezwingbaren Guerilla und hohen US-Verlusten. "Die USA können diesen Krieg nicht schnell beenden", erklärte der ehemalige Vizegeneralstabschef Armeegeneral Le Ngoc Hien in einem Zeitungsinterview. Die echten Schwierigkeiten würden erst beginnen. (APA)