Richard Reichensperger

Wien/Gmunden - Der Wahnsinn des Schreibens gewinnt Methode: Erstmals kann eine Bernhard-Werkausgabe auf die wilden Schreibbewegungen des Meisters im Gmundner Nachlass zurückgreifen, der erst seit 2001 bearbeitet werden kann: Die Herausgeber Wendelin Schmidt-Dengler, Martin Huber, Hans Höller und Manfred Mittermayer legen bei Suhrkamp - einsetzend mit frühesten Erzählungen über Frost (1963) bis Verstörung (1967) - eine knapp, aber intelligent kommentierte Leseausgabe vor.

Warum "Wahnsinn des Schreibens"? Einmal, weil es in den Faksimiles von Bernhard-Typoskripten offensichtlich wird, wie der sich in seinen Anfängen aus sich selbst heraushämmernde Dichter zugleich kräftig in die Sätze seiner Texte hineinschlägt, wie er streicht, wie er in die Normalität den Wahn, aber auch das Offene und die Freiheit hineinsetzt: Da bleibt - wie im abgebildeten Fragment Tamsweg um 1960 - kein Stein mehr auf dem anderen, da wird ausgeschnitten, geschlagen, komponiert: Es ist ein Schreiben gegen das eigene ursprüngliche, geschlossene Schreiben, ein Auslöschen des ursprünglich noch in der Tradition des Landes gesicherten "Ich" - das ist der Weg zu Frost.

"Wahnsinn des Schreibens" aber auch deshalb: Früheste und bisher nur Experten bekannte Texte im Erzählband zeigen auch das Gegenteil - nämlich dass der junge Thomas Bernhard, als er um 1950 erstmals publizierte, ganz aus der Normalität herauskam, auch aus der "normalen" österreichischen Schreibtradition. Und in diese begann er hineinzuschlagen.

Das Herkömmliche - sowohl in Motiv wie in Sprache - sah so aus wie der Beginn einer 1952 im Salzburger Demokratischen Volksblatt veröffentlichten Weihnachtsgeschichte, die hier im Erzählband gedruckt wird: "Jedes Jahr am Heiligen Abend machte ich den langen Weg hinüber nach St. Brigitten, um von einer weißhaarigen, gütigen Frau die drei Christkerzen für unseren Weihnachtstisch zu holen." Das Rätsel ist nun: Wie kann sich aus so einer Sprache, wie sie sich auch im Werk von Bernhards Großvater Johannes Freumbichler finden könnte, binnen weniger Jahre der ganz unverwechselbare Bernhard-Ton herausschälen?

Dazu einer der Mitherausgeber, der Salzburger Germanist und Bernhard-Biograf Hans Höller, im STANDARD-Gespräch zu dieser Ausgabe: "Wir wollten im Kommentar wenigstens ansatzweise zeigen, wie sich in einer Werkgeschichte auch epochale Geschichte spiegelt. Im Falle Bernhards auch die Auseinandersetzung mit der in Österreich dominierenden Heimatliteratur. Da ist früh gar noch vom Haus der Bauerngenerationen die Rede, wo die Toten hinausgetragen werden und neue Generationen hereinkommen. Und auch die hierarchische Ordnung der Familie wird überhaupt nicht infrage gestellt wird - alles ist noch gottgefällig."

Der Bruch mit dieser Tradition wird erstmals sichtbar an der - hier endlich leicht zugänglich gemachten - Erzählung Der Schweinehüter (1956). Hans Höller: "Da ist ein brüchiges Haus. Und das, was die Existenz des Bauern ausmacht - der Umgang mit Tieren -, ist hier etwas ganz Verrücktes: Erstmals die Qual-Geschichte eines Ich. Der katholische Herder-Verlag verlangte eine Änderung des Schlusses - es durfte kein Selbstmord dastehen."

Was hier nachzulesen ist und was dann in Frost und in Verstörung so deutlich wird, das ist ein Werkbruch, der auch ein Bruch mit der dominierenden Denk- und Erzähltradition in Österreich ist. Die Frage ist: Wie kam es zu solchem Bruch, und warum vollzog er sich in Österreich so spät, so mühsam?

Sicher, schon 1952 hatte eine Ilse Aichinger das herkömmliche, gemütliche Erzählen kritisiert und, nach der Erfahrung des Weltkrieges, einen Erzählfluss "mit steileren, steinigeren Ufern" gefordert. Aber diese Moderne hatte es in Österreich noch sehr schwer, sie war bis 1945 von der Entwicklung in den USA und in Frankreich abgeschnitten worden und in der "Heimat" verachtet. Der junge Bernhard erarbeitet sich nun genau diese verdrängte Moderne, er liest - worauf Hans Höller hinweist - etwa Jean Genet.

Sprung in die Moderne

Und dazu, so Höller, kam "ein unglaublicher Wille, sich durchzusetzen, als Schriftsteller anerkannt zu werden. Bernhard sah, dass man mit Heimatliteratur in den 50er-Jahren kein großer Schriftsteller wird, aber auch nicht mit der Literatur der Wiener Gruppe." Und die Folgerung daraus, die erstmals in der schon 1959 geschriebenen Kurzprosa Ereignisse sichtbar wird: "Bernhard entdeckt, dass er das Potenzial in der Welt findet, aus der er herkommt. Und dass er die immer wieder bearbeitet und dass er in der Bearbeitung dieses Herkunftkomplexes - sowohl der Familie wie der Ästhetik des Großvaters, der österreichischen Vormoderne -, dass er in der Bearbeitung zu einem neuen wissenschaftlichen Schreiben findet. In dieser Bearbeitung entdeckt er für sich die Moderne, erobert sie im Sinne des Reflektierens, des Infragestellens des Sprechens, das selber eingebaut wird ins Erzählen."

Die knappen Kommentare von Manfred Mittermayer und Martin Huber zeichnen diesen Prozess von frühen Texten bis ins Spätwerk nach, diesen Kraftakt, dieses Schreiben im Widerstand zu sich selbst. Hier wird einer sichtbar, der aufbricht, das Fürchten zu lernen: "Etwas Unerforschliches erforschen" (Frost).

Die ersten drei Bände der
Werkausgabe werden am
16. November um 11.30 Uhr
im Burgtheater präsentiert.