Wien - Während die Stadt-und Staatstheater in Wien vehement glück- und offensiv lustlos in die neue Saison starteten, gärt es in der freien Szene. Seit Anfang September haben die drei Kuratoren Anna Thier, Günter Lackenbucher und Uwe Mattheiß für zwei Jahre ihr Amt angetreten. Vier Einreichungstermine lang entscheiden sie spartenübergreifend über die Vergabe der Projektförderungsgelder der freien Theaterszene der Stadt.

Ihr zweijähriges Wirken markiert den Übergang vom bisherigen Vergabemodus durch einen 17-köpfigen, nach Sparten aufgeteilten Beirat hin zu jenem umfassend reformierten Organisationsmodell, das von Herbst 2005 an in Kraft treten soll. Dann, wenn alle bisher bestehenden Dreijahresverträge für freie Gruppen, Klein- und Mittelbühnen ausgelaufen sind und sämtliche 15 Millionen Euro, die die Stadt jährlich zur Verfügung stellt, tatsächlich verfügbar sein werden.

Was dann passieren soll, liest sich in dem Konzeptpapier, das die nunmehrigen Kuratoren im vergangenen Jahr im Auftrag von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) erarbeiteten, revolutionär in der Stadt des Beharrens: Seit Jahrzehnten waren über zwei Drittel des Budgets de facto nach dem Gewohnheitsrecht vergeben worden, unabhängig von Fragen nach Qualität oder Erneuerung. Jene rund zehn Millionen Euro etwa aus dem Budget für die Freien, die bisher alljährlich für stets dieselben, meist in den Siebzigerjahren aus der damaligen Szene hervorgegangenen privaten Klein- und Mittelbühnen reserviert wurden, stehen von 2005 an frei zur Vergabe, um auf diese Weise einer neuen Generation von Theatermachern mit ästhetisch innovativen Theateransätzen eine reale Entwicklungschance zu bieten.

Gedacht ist künftig an ein zweigleisiges Modell aus Koproduktionshäusern, die Infrastruktur und Produzenten-Know-how zur Verfügung stellen, und einer reduzierten Anzahl intensiv geförderter (Langzeit-)Projekte.


Generationenwechsel

So neu, so fern. Der Übergang allein ist schwer, denn er kennt deutlich mehr Verlierer als Gewinner unter den Theaterschaffenden. Scheinen doch die Hauptprofiteure der Reform, das Publikum, jene neue Generation von Theaterenthusiasten, die sich in Wien bisher auf das Kino verlagerte, in den Zahlen nicht auf.

Zudem fühlt die Szene sich bei der Entscheidungsfindung zu Recht übergangen und verlangt Mitsprache. Mehrere freie Gruppen schlossen sich daher zu einem "OFFforum zur Wiener Theaterreform" zusammen und forderten neben Mitsprache auch das Volkstheater als internationales Koproduktionshaus für die freien Theaterschaffenden, als Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny am Montag zu einer Informationsveranstaltung in die Wiener Urania lud, der gut einhundert Künstler Folge leisteten.

Klarheit brachte die Veranstaltung indes wenig. Allenfalls über den Unmut der Wiener Theatermacher angesichts der alleinigen Entscheidungsgewalt der drei Kuratoren für die Projektgelder in allen Sparten.

Geht man von einer gleich bleibenden Gesamtfördersumme der Stadt aus, handelt es sich bei den jährlich zur Verfügung stehenden Projektsummen um gute drei Millionen Euro. Diese sollen nach dem in der Studie formulierten Grundsatz "ganz oder gar nicht" weniger Projekte als bisher intensiver fördern. 200 Anträge aus der freien Szene liegen ihnen derzeit vor. Andererseits behalten sich die Kuratoren vor, zukunftsweisende Projekte zu initiieren.

Dem verabschiedeten Projekt Gießkanne, das bisher durchschnittlich 180 Gruppen jährlich mit teilweise minimalen Summen subventionierte, folgt das Prinzip der bewusst subjektiv gehaltenen Auswahl eines Expertenteams mit aller Willkür und allen qualitativen Chancen, die eine solche fachlich fundierte Subjektivität bietet.


Konzeptförderung

Bereits Ende 2003 soll jedoch der nächste Schritt gesetzt werden: Jene Jury wird bestellt, die über die Konzeptförderungsgelder für die Zeit von 2005 bis 2009 entscheidet. Bereits am 15. April 2004 ist das Ende der Einreichfrist, was eine langfristige Planung ermöglichen soll. Und von Frühjahr 2005 an wird in der Nachfolge der Kuratoren eine so genannte Theaterkommission über die weitere Projektförderung entscheiden.

Kuratoren, Jury, Kommission, Kooperationshäuser: Noch klingt vieles neu, gibt es viele Unklarheiten und berechtigte Einwände der freien Szene. Eines aber ist (fast) allen klar: Die Veränderung der erstarrten Wiener Theaterlandschaft tut dringend Not. Ebenso wie die Eröffnung einer inhaltlichen Diskussion jenseits egoistischer Einzelinteressen. (DER STANDARD; Printausgabe, 12.11.2003)