Jedes Technologieunternehmen ist "vom Abgrund" – dem Zeitpunkt, da seine Technologie durch eine jüngere, bessere überholt wird – immer nur 18 Monate entfernt. Das sagte schon vor einigen Jahren Microsoft-Chef Bill Gates, der einst den regierenden IT-König IBM stürzte und selbst zum einflussreichsten IT-Unternehmen der Welt wurde – auch wenn IBM in Anbetracht eines Jahresumsatzes von 90 Mrd. Dollar seither nicht gerade darben muss.

Für Microsoft rückt der "Abgrund" offensichtlich näher

Aber für Microsoft rückt der "Abgrund" offensichtlich näher. So konstatierte Microsoft-CEO Steve Ballmer in einem Bericht an die US-Börsenaufsicht SEC, dass der Aufstieg von Linux – dessen Symbol ein putziger Pinguin ist – die größte potenzielle Beeinträchtigung von Microsoft sei.

Novell-Deal verleiht dem Pinguin neuen Auftrieb

Und jetzt das: Novell – die Softwarefirma, die PCs vernetzte, bevor sie dabei von Windows völlig an den Rand gedrängt wurde – übernahm wie berichtet um 210 Mio. Dollar den deutschen Linux-Distributor SuSE. Im Hintergrund beteiligte sich IBM, das für Linux wirbt und die Linux-Schmiede Open Source Development Lab subventioniert, um 50 Mio. Dollar an Novell.

Warmnes Nest

Dieser Deal könnte dem Pinguin ein warmes Nest in vielen Unternehmen und in der Folge auf vielen Desktops bescheren. Denn mangelnder Support durch einen (großen) kommerziellen Anbieter gilt bei Firmen als Hindernis – während für die weitere Entwicklung von Windows eine milliardenschwere Company bürgt. Dabei habe Linux als Open-Source-System einen technischen Vorteil: Da der Quellcode (Source Code) zugänglich ist, arbeitet weltweit eine freiwillige Gemeinde von Interessierten an Verbesserungen. Hingegen ist der Quellcode bei Microsoft ähnlich wie die Coca-Cola-Formal geheim (obwohl unter Spezialverträgen einsehbar) und kann nur vom Unternehmen geändert werden kann.

Naturgemäß sieht Microsoft darin eine Stärke: Denn das sei die Garantie, dass beim Entdecken eines Bugs oder einer Lücke auch eine Reparatur erfolge, was bei Linux von Lust und Laune der freiwilligen Linux-Entwickler abhänge, argumentiert Microsoft-Unternehmenssprecher Thomas Lutz.

Jederzeit Support

Aber in diese Lücke springt jetzt Novell, das genau dafür garantieren will: dass Firmen jederzeit Support bekommen. Und noch ein weiteres will Novell erreichen, sagt Novell-Österreich-Geschäftsführer Peter Latzenhofer: "Ziel ist, dass man als einfacher Benutzer alles selbst installieren und anfassen kann", so einfach eben wie Windows oder ein Mac. Dazu hat Novell im August noch vor dem SuSe-Deal Ximian gekauft, das an einem grafischen Desktop und Office nach Art von Windows und Microsoft Office arbeitet.

Koexistenz

Langfristig, beschwören jedenfalls Lutz wie Latzenhofer, ist Koexistenz die einzige Lösung. Dazu müsse es offene Standards geben, wie Daten zwischen verschiedenen Usern ausgetauscht werden können, unabhängig vom jeweiligen Betriebssystem.(spu, DER STANDARD Printausgabe, 12. November 2003 )