Hört man sich gegenwärtig in der rumorenden heimischen Filmbranche um, dann erhält man von den wichtigsten Protagonisten bevorzugt folgende Einschätzung der Lage: Die "neue" Diagonale unter Miroljub Vuckovic und Tillmann Fuchs wird die Gunst der Mehrheit der Filmschaffenden nicht mehr gewinnen. Der verkündete Veranstaltungstermin im März 2004 ist kaum noch einzuhalten, die von Alexander Dumreicher-Ivanceanu betriebene Gegen-Diagonale damit vermutlich obsolet. Jetzt gelte es, Zeit und eine neue Basis für ein neues Festival des Österreichischen Films zu finden, nachdem VP-Kunststaatssekretär Franz Morak das alte willkürlich zerschlagen hat.

Das war zuletzt absehbar. Aber während hier alles so kommt, wie es kommen musste, kündigt sich an ganz zentraler Stelle eine weitere Pleite für Morak an, gegen die der Diagonale-Breakdown vergleichsweise nur ein Nebenschauplatz, wenn auch als solcher symptomatisch ist. Es geht um nichts weniger als die notwendige Neuorientierung der heimischen Filmförderung vor dem Hintergrund der anstehenden EU-Erweiterung. Auch hier scheint der Staatssekretär die Zeichen der Zeit falsch oder überhaupt nicht gelesen zu haben.

Auch hier irritiert eine höchst salopp formulierte, gleichzeitig viel zu späte Ausschreibung - in diesem Fall die der Leitung des Österreichischen Filminstituts (ÖFI). Und auch hier drängt sich die Vermutung auf, dass Morak mit einer weiteren personellen Neubesetzung die Filmbranche vor allem politisch auf den "richtigen Kurs" bringen will. Mittlerweile mehren sich die Anzeichen, dass auch dieses Unterfangen auf eine riesige Flaute zusteuert. Schon hat man beim bisherigen ÖFI-Leiter Gerhard Schedl angefragt, ob er nicht seinen Nachfolger in einem erwartbar schwierigen Jahr 2004 unterstützen könnte. Gleichzeitig mehren sich in der Filmbranche die Stimmen, dass es dann aber gleich am besten wäre, Schedls Vertrag einfach zu verlängern, und sei es nur um zwei weitere Jahre.

Zweifelsohne wäre Moraks eigene Position längst ungleich mehr gefährdet, wenn er sich derartige Fehlleistungen in kulturellen Bereichen geleistet hätte, die der heimischen Öffentlichkeit etwas präsenter sind als die verwirrende kleine Filmlandschaft. In der Theaterszene zum Beispiel würden Rücktrittsrufe nach vergleichbaren Auftritten als Elefant im kulturpolitischen Porzellanladen ungleich vehementer erklingen - und vermutlich sehr schnell von Erfolg gekrönt sein.

Dennoch müsste Bundeskanzler Wolfgang Schüssel als Moraks direkter Vorgesetzter - ist Kunst eigentlich immer noch Chefsache? - langsam nervös werden. Was als fröhliche Hatz gegen eine unliebsame, widerständische Film-Community begann, droht zunehmend vor allem Wirtschaftstreibende zu beschädigen, die man per se einem bürgerlichen Lager zuordnen kann. Wenn Morak nicht begreift, dass er diesen Unternehmern mehr Sicherheit und weniger Nonsens bieten muss, ist er auf Dauer vermutlich auch für Schüssel untragbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2003)