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Szene aus "Je suis sang"

Foto: APA/ WONGE BERGMANN/TANZQUARTIER WIEN
Wien - Ein Wesen im Operationskittel stichelt: "Es ist 2003/ nach Christus/ und wir leben noch immer/ im Mittelalter." Die schwarz gekleidete Dame mit einem großen Buch als Hut zitiert einen biblischen Propheten: "Werdet ihr nicht essen/ Das Fleisch des Menschensohnes,/ Und trinken sein Blut,/ So habt ihr kein Leben in Euch."

Ein halb nacktes Mädchen singt Springfields Son of a Preacherman. Ein dicklicher Dionys im Stringtanga und mit Zigarre im Mund schwingt sich über die Szene: ein tänzelndes Menschentier als Allegorie des Sinnlichen, des Genusses und der Grausamkeit. Scheppernd tanzen zehn Ritter in ihren Rüstungen eine strenge Formation. Der belgische Künstler, Choreograf und Regisseur Jan Fabre holt in seiner zum Stück geronnenen Blutorgie Je suis sang (Ich bin Blut) im Tanzquartier Wien weit aus und stößt seine schöpferische Pranke tief in das Fleisch der Geschichte.

Tief im Mittelalter ertastet er einen Fluch und zerrt ihn ans Licht der Gegenwart. Mit Schwung schleudert er den christlichen Bann wider den Körper, die Ausgrenzung des Fleisches aus den Gefilden des Geistigen auf die Bühne. Er gibt Zerrbilder seiner Zeichen und Symbole preis: Bräute in weißen Kleidern zeigen Menstruationsblut, Mädchen in grauen Trainingsanzügen schrubben wie wahnsinnig ihre Genitalien. Der behände Dionys spielt den Narren.

Er surft auf den Wellen immer neuer Bilder, die über das Proszenium schwappen. Die Wogen gehen hoch, wenn die Körper auf der Bühne sich gegen die Fesseln der Kultur aufbäumen. In der Gischt steht die dunkle Verkünderin in Person von Fabres Lieblingsdiva Els Dekeukelier. Zuweilen bändigt sie die See, zum Teil beschwört sie noch mächtigere Brecher, die weit in die Zukunft hineinrollen und Jan Fabres utopischen, flüssigen Körper ins Morgen tragen sollen, einen Körper ganz aus Blut.

Dafür werden die Schleusen der darstellenden Kunst ganz geöffnet, die Darsteller tanzen und toben, singen, schlittern ins Wasser und taumeln durch weiße Talgwolken. Eine deutliche Sprache wird bemüht, die ganz offen zeigt, dass Fabre die barocke Semantik der 80er-Jahre ins Heute gerettet hat. Weil er aber ein genialer Bilderbauer und Dramaturg ist, kippt das exzessive Übertreiben der Akteure nicht ins Lächerliche.

Weil das ganze Werk eine genreübergreifende Choreografie ist, passt auch Tanz. Fabre packt seine Vision vom künftigen Körper in ein mit ausuferndem Witz getränktes Pathos, das über die Heurigenseligkeit eines aktionistischen Orgien-Mysterien-Theaters hinwegtanzt. Damit setzt Fabre auch der Cyborg-Sentimentalität und der Avatar-Esoterik der Gegenwart ein Konzept entgegen, das den utopischen Reichtum des Körpers verhandelt, ohne je in peinliche Naturschwärmerei abzugleiten.

Während einiger Passagen des Stücks nervt die Opulenz der Mittel. Doch die darstellerischen Fähigkeiten und die kompromisslose Einsatzbereitschaft der 20-köpfigen Company des künstlerischen Wolkenvermessers Fabre machen das wieder gut. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2003)