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Die Maya-Stätten von Palenque

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Die Kathedrale von San Cristobal

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Längst sind die Touristen wieder in die alte mexikanische Kolonialstadt zurückgekehrt.


"Subcomandante Marcos" versprüht kernigen Charme. Die schwarze Roger-Staub-Mütze, der Patronengurt um die Brust, das Gewehr auf dem Rücken - alles da. Sogar auf die charakteristische Pfeife des Rebellenführers ist nicht vergessen worden. Als die Strohpuppe trotzdem keinen Anklang findet, kramt der Verkäufer T-Shirts mit dem Konterfei des "Subcomandante" und dessen Vorbilder Ché Guevara und Emiliano Zapata hervor. Zehn Jahre nach dem Aufstand im mexikanischen Bundesstaat Chiapas sind Revolutionsdevotionalien längst Standards im Angebot der Souvenirhändler. Der Subcomandante und sein weibliches Pendant, das angeblich Romana heißt, lächeln. Das ist wohl als Signal gedacht, dass die Revolution hierzulande ein touristenkompatibles Format hat.

Es ist nicht ohne Ironie: San Cristóbal de Las Casas, das die Zapatisten Knall auf Fall Anfang 1994 besetzt hatten, um gegen die erwarteten desaströsen Auswirkungen des Nafta-Freihandelsabkommens auf die Indios zu protestieren, hat von dem Intermezzo unzweifelhaft profitiert. Backpackers, Posadas, vegetarische Restaurants und Internetcafés sind wie Schwammerln aus dem Boden geschossen.

Der Geist der Rebellion verdinglicht sich nicht nur in Strohpuppen, sondern auch in Gestalt von politischen Aktivisten, die ihr Engagement in den armen Süden geführt hat. Sie besuchen Sprachkurse und tauschen ihre Erfahrungen im Kampf gegen die Hydra Globalisierung bei einer Tasse Kaffee sowie auf Internetforen aus, die heute zum primären Mobilisierungsinstrument gegen weltweite Unterdrückung mutiert sind.

Manche pilgern sogar in den Lakandonen-Dschungel an der Grenze zu Guatemala, wo die Zapatisten "autonome Zonen" eingerichtet haben und von der Armee in Ruhe gelassen werden. "Celebrities" wie Danielle Mitterrand oder Oliver Stone sind dort schon lange keine mehr anzutreffen. Auf dem Zócalo und in den Internetcafés, auf den Märkten und in den Museen treffen die "Zapa-Touristen" auf Reisende, die die Sehnsucht nach einem ursprünglichen Mexiko nach San Cristóbal verschlagen hat. Sie alle halten eine beinahe europäisch anmutende Lokalszene am Leben, die man in der ärmsten Provinz des Landes nie und nimmer erwarten würde.

Und unterschiedslos sind sie Adressaten für jene, die ihnen etwas verkaufen wollen. Im Minutenabstand stürzen sich Kinder auf Touristen und offerieren bunte Freundschaftsbänder. Drei Stück um den lächerlichen Preis von zehn Pesos - und trotzdem hat man bald eine "No gracias"-Abwehrhaltung verinnerlicht.

Gerade das extreme Ausmaß der Kinderarbeit verdeutlicht die sozialen Kontraste in Chiapas. In Armensiedlungen am Stadtrand vegetieren viele Indios, die interne Religionskonflikte oder Paramilitärs aus ihren Dörfern vertrieben haben. Aus ihnen rekrutiert sich das Heer von Straßenverkäufern und Schuhputzern von acht bis 80. Die meisten Besucher bekommen davon wenig mit, denn sie klappern ohnehin nur die wenigen Straßenzüge innerhalb des touristischen "Speckgürtels" ab.

Vor der Barockkirche Santo Domingo, auf der noch ein Habsburg-Wappen prangt, wandelt sich der permanente Verkaufsreigen zu einem Wettkampf der Farben. Die prachtvoll bestickten Tuniken, Schals und handgefertigten Decken spiegeln in Farbgebung und Designs die Trachten der umliegenden Dörfer wider. Rosa- und Rottöne stehen für die Erzeugnisse der Zinacantecos, Blau und Schwarz für die der Chamulas. Die Webarbeiten zählen zu den besten Mexikos. Allerdings findet nicht nur Originäres den Weg auf den Indiomarkt, der mit Revolutionskitsch, T-Shirts und Plastikspielzeug alle Geschmäcker bedient.

Der frühe Morgen ist die beste Zeit, um auf den engen, kopfsteingepflasterten Straßen zum Kirchhügel Santo Domingo zu schlendern. Allmählich vertreibt die höher kletternde Sonne die Nebelschwaden aus dem 2000 Meter hoch gelegenen Jovel-Tal. Seit eh und je sind die Kirchtürme die einzigen Hochhäuser, die aus dem Meer aus hellroten Ziegeldächern herausragen.

Beinahe spurlos scheinen die Jahrhunderte an den wuchtigen Kolonialbauten vorübergegangen zu sein, die hinter gebleichten Holztoren, dicken Mauern, farbigem Putz und schmiedeeisernen Gittern lauschige Patios verbergen. Mit ihren Säulengängen, schattigen Lauben, Blumenarrangements und murmelnden Brunnen sind sie Orte der Muße.

Vollends in Gemächlichkeit löst sich die ohnehin nur in Ansätzen vorhandene Hektik der Stadt im überdachten Innenhof des Café Museo auf, wo Cappuccino und Kuchenspezialitäten auf den Tisch kommen. Ganz nebenbei kann man sich im angeschlossenen Museum über die Mechanismen des Weltmarktes informieren, der sich nicht die Bohne um die Verdienstspannen der Campesinos schert. Kooperativen, in denen Produkte der Kleinbauern zu fairen Preisen losgeschlagen werden, haben mittlerweile ihren festen Platz im Gefüge der Stadt. Sie stehen in der Tradition, die Wirtschaftskraft der Kleinbauern zu verbessern.

Einer der Ersten, die sich für die Belange der mit brutaler Gewalt "befriedeten" Maya-Nachfahren einsetzte, war der Dominikaner Fray Bartolomé de Las Casas. 1545 wurde der spätberufene Mönch zum ersten Bischof der jungen Stadt geweiht. Mit seiner berühmt gewordenen Streitschrift "Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder", einer Darstellung spanischer Gräueltaten in den ersten Jahrzehnten der Conquista, hatte er die kolonialen Instanzen derartig gegen sich aufgebracht, dass sie seine Arbeit in Chiapas sabotierten.

Bei den Indianern gilt er dagegen als Lichtgestalt. Die Ladinos geben bis heute in Chiapas den Ton an, wenn auch diskreter, seit internationale Organisationen wie das Rote Kreuz und Friedensaktivisten Flagge zeigen.

Vier Jahrhunderte später trat Gertrude Duby-Blom in die Fußstapfen des streitbaren Mönchs. In halb Europa hatte sich die Schweizer Pfarrerstochter gegen Faschismus und Unterdrückung engagiert, bevor sie die Machtübernahme der Nazis nach Mexiko verschlug. 1943 trampte sie vier Monate lang im Lakandonen-Dschungel und traf dabei auf ein höchst merkwürdiges Volk, das sich die "wahren Menschen" nannte, in weiße Tuniken kleidete und im Gegensatz zu den anderen Maya-Nachfahren nie unter das spanische Kolonialjoch geraten war: die Lakandonen.

Ihrem Überleben widmete sie fortan ihr Engagement. In Tausenden Fotos von unschätzbarem ethnografischem Wert dokumentierte sie das Leben des Volkes, das von Holzfällern, Erdölsuchern und Farmern immer weiter zurückgedrängt wurde. Zusammen mit ihrem dänischstämmigen Ehemann, dem Archäologen Frans Blom, erstritt die Ethnologin ein Schutzgebiet für die Indianer und baute ein ehemaliges Priesterseminar zu einer Anlaufstelle für die Lakandonen aus.

"Na Bolom", das "Haus des Jaguars", ist vieles zugleich: ein Museum, das in Hunderten Artefakten den Wandel im Leben der Lakandonen dokumentiert, ein international anerkanntes Studienzentrum der indianischen Kulturen Mittelamerikas und der Sitz einer karitativen Stiftung. Vor einigen Jahren ist man dazu übergegangen, "Na Bolom" für Besucher zu öffnen. Die Erlöse aus den Führungen, dem Restaurant- und Hotelbetrieb und mehrtägigen Expeditionen in den Urwald fließen in Initiativen, mit denen man verhindern will, dass die Zivilisation die Lakandonen endgültig überrollt, erzählt Ramon auf einer Führung.

Die "Königin des Dschungels", wie ihre Schützlinge sie nannten, war skeptisch gewesen, dies verhindern zu können. "Von uns werden nur Coca-Cola-Flaschen zurückbleiben", meinte "Trudy" Duby-Blom kurz vor ihrem Tod im Jahr 1993. Doch vielleicht hat sie die Resistenz der Maya-Nachfahren gegen kulturelle Einflüsse von außen unterschätzt.

Im wenige Kilometer entfernten San Juan Chamula haben Angehörige vom Volk der Tzotzils den ihnen aufgezwungenen katholischen Glauben und die "Segnungen" westlicher Zivilisation adaptiert. Katholische Heilige, von alten Maya-Gottheiten überlagert, können zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie trotz inständiger Fürbitten inadäquat "arbeiten", erzählt Fremdenführer Cesar.

Im Schein Hunderter Kerzen verrichten in der Kirche von Chamula traditionelle Heiler ihr jahrtausendealtes Handwerk. Und Coca-Cola, der Gottseibeiuns aller Zivilisationskritiker, wird literweise konsumiert. Nicht "just for the taste of it", sondern weil es zum Aufstoßen anregt und so Körper und Geist reinigt. (Der Standard/rondo/14/11/2003)