Wien - In stimmungsvolles rotes Licht getaucht, schmachtete sich Nina Persson gerade mit dünner Stimme und von einem Gitarrenlehrer begleitet mit ausdrucksstarker Körperhaltung durch eine teigige Ballade. Die Hand flehentlich gen Saaldecke erhoben. Man vermutete aus der Ferne, dass da oben auf der Bühne des WuK unter einem riesigen Luster die Liebe verhandelt wurde.

Ein Verdacht, der sich angesichts der Themenschwerpunktsetzung der schwedischen Popband The Cardigans auch bestätigte. Für die nächste Nummer, die ebenfalls zerbrechlich begann, kamen dann wieder ein paar Musiker mehr auf die Bühne, und bald fiel die Band wieder in jenen vorherrschenden Stil zurück, den sie mit ihrem aktuellen Album Long Gone Before Daylight strapaziert: so eine Art Westcoast-Rock für nach Feng-Shui eingerichtete Hesse-Leser. Über dieses Album konnte man viel versprechende Dinge lesen. Nach Soloprojekten wie Perssons Album mit A Camp, sei die Band auf den Spuren Neil Youngs unterwegs. Und des Kanadiers pessimistisches Meisterwerk der mittleren 70er-Jahre, On The Beach, musste als Referenz herhalten. Nach diversen, eher der leichten Muse verpflichteten Pop- und zahnlosen Rockalben, die sich nichtsdestotrotz allesamt bestens verkauften, wäre das eine Überraschung gewesen.

Doch wie bereits das Album diesbezüglich enttäuschend ausfiel, war auch das von den Fans viel bejubelte Konzert am Mittwoch ein Selbstversuch auf einem Terrain, auf dem die Cardigans spürbar etwas suchten, was sie dort allerdings nicht verloren hatten. Zwar wies der Feinrippträger am Schlagzeug durchaus einen Weg, den auch Gene Clark (The Byrds) einmal beschritten hatte, doch schon die Leierkastenorgel karikierte diesen Selbstversuch. Dazu Wanderklampfe und eine um Intensität ringende Sängerin.

Es mangelte an Tiefgang, an der notwendigen Schwere, an allem, was Glaubwürdigkeit hätte auslösen können. Also verfiel die Band in einen den Abend dominierenden Midtempo-Soft-Rock, zu dem das Publikum in bester "Die großen zehn"-Tradition über Kopf in die Hände klatschte.

Während sich Persson wieder einmal einem Textilwechsel unterzog, wurde man mit Familientratsch über Bandmitglieder unterhalten. Auch dafür: Applaus. Gegen Ende der Show gaben die Cardigans schließlich noch den Hit Lovefool, aus der "Romeo & Juliet"-Verfilmung von Baz Luhrmann.

Einen nette Harmlosigkeit, die die wahren Qualität der Band aufzeigte: Friede-Freude-Eierkuchen-Pop. Auch okay. Nur sollte man es dabei belassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2003)