Zwei Wochen nach den Parlamentswahlen in Georgien steht nur ein Ergebnis wirklich fest: Für Eduard Schewardnadse, den einst international gefeierten, (vor-)letzten Außenminister der Sowjetunion und jetzigen Staatschef der Kaukasusrepublik, hat das Endspiel begonnen. Die Wahlen sind gescheitert, die Opposition ist auf den Straßen und ergeht sich in blutigen Revolutionsfantasien. Ein „zweiter Ceaus¸escu“ werde der Staatspräsident, wenn er nicht zurücktrete, drohte Mikhail Saakaschwili, der nun wichtigste Oppositionsführer, schon vor Tagen; will heißen: Der 75-jährige Schewardnadse wird vom Volk gestürzt und standrechtlich erschossen wie einst der rumänische Diktator.

Frustrierend für den Westen

Georgiens Wahldebakel ist frustrierend für den Westen. Wie kein anderer Staat im Kaukasus erhält Georgien seit Jahren wirtschaftliche und politische Unterstützung von westlichen Regierungen und internationalen Organisationen. Die Wiener Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa überwacht die Grenzen zu den russischen Republiken und federt damit einen Teil der Streitigkeiten Georgiens mit Moskau ab; die meisten Sezessionskonflikte im Staat hat ebenfalls die OSZE eingefroren; Washington trainiert die georgische Armee; zehn Jahre humanitäre und wirtschaftliche Hilfe der USA, EU oder Weltbank belaufen sich vorsichtig geschätzt auf 3,6 Milliarden Dollar.

Eine Parlamentswahl, die halbwegs demokratischen Ansprüchen genügt, kann der Staat trotzdem nicht organisieren. Korruption sei in Georgien eine Regierungsmethode, erklärte ein ehemaliger Berater von Staatschef Schewardnadse. Und weil das so ist im Armenhaus am Schwarzen Meer, lasse sich eben auch die Opposition von Geschäftsleuten bezahlen. Ein Rücktritt Schewardnadses vor Amtszeitende 2005 wird deshalb nichts lösen. Eine Wiederholung der Wahlen unter stärkerer Mitsprache der OSZE scheint der einzige friedliche Ausweg. (DER STANDARD, Printausgabe 15./16.11.2003)