Foto aus: In Algerien, Camera Austria
Ein unveröffentlichter Text von Pierre Bourdieu, im Zusammenhang mit seiner fotodokumentarischen Arbeit .


Die für die gesellschaftliche Ordnung konstitutiven Einteilungen, genauer gesagt die gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse, die zwischen den Geschlechtern etabliert worden sind, schreiben sich schrittweise in zwei verschiedene Klassen ein: in Form von gegensätzlichen und zugleich komplementären Hexis (körperlichen Haltungen, Zuständen; zeigt den Unterschied zu "Habitus", der gesamten verinnerlichten Haltung eines Menschen, an) und in Gestalt von Wahrnehmungs- und Klassifikationsschemata. Sie führen dazu, alle Dinge dieser Welt und alle Praktiken entsprechend Unterscheidungen einzuteilen, die auf den Gegensatz zwischen männlich und weiblich reduziert werden können.

So obliegt es den Männern, welche auf der Seite des Externen, des Offiziellen, des Öffentlichen, des Rechts, des Trockenen, des Hohen und des Diskontinuierlichen angesiedelt werden, all jene Handlungen zu vollziehen, die zugleich von kurzer Dauer, gefahrvoll und spektakulär sind und die, wie das Schlachten eines Rindes, das Pflügen und die Ernte, ganz zu schweigen vom Morden und Kriegführen, Brüche mit dem normalen Gang des Lebens markieren.

Den Frauen hingegen, angesiedelt auf der Seite des Internen, des Feuchten, des Niedrigen, des Gekrümmten und des Kontinuierlichen, werden alle häuslichen, also Privaten, sich im Verborgenen abspielenden und somit unsichtbaren und wenig angesehenen Arbeiten zugewiesen, wie die Sorge für Kinder und Tiere, aber auch alle Arbeiten außerhalb des Hauses, die ihnen von einer mythischen Vernunft zugeteilt werden, das heißt all diejenigen, die mit Wasser, Kräutern, Grünzeug (wie das Jäten und das Pflanzen), Milch oder Holz zu tun haben, und dabei vor allem solche Arbeiten, die ganz besonders schmutzig, monoton und niedrig angesehen sind.

Aufgrund der Tatsache, dass diese ganze abgeschlossene Welt, auf die man sie beschränkt - der dörfliche Raum, das Haus, die Sprache, die Werkzeuge - zu ein und derselben stillschweigenden Ordnung ruft, können die Frauen nach der mythischen Vernunft nur werden, was sie sind, wodurch sich, allem voran in ihren eigenen Augen, bestätigt, dass sie qua Natur für das Niedrige, Gekrümmte, Kleine, Schäbige, Bedeutungslose etc. bestimmt sind. Sie sind dazu verdammt, in jedem einzelnen Augenblick dieser herabgesetzten Identität, die ihnen gesellschaftlich zugeschrieben wird, den Anschein einer natürlichen Grundlage zu verleihen: Sie sind es, denen die langwierige, undankbare und akribische Aufgabe zukommt, die Oliven und das Reisig von der Erde aufzulesen, das die mit Stangen oder Äxten hantierenden Männer heruntergeholt haben; sie sind es, die für das tägliche Führen der häuslichen Wirtschaft Sorge zu tragen haben, und so scheint es, als sei ihnen das Rechnen und Knausern, das engstirnige Achten auf Fälligkeiten und Zinsen auf den Leib geschrieben, wohingegen der Ehrenmann es sich schuldig ist, über all das hinwegzusehen. Aus: "La Domination masculine", Edition Seuil, Paris (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.11.2003)