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Dacia Maraini:
Ein Schiff nach Kobe. Das japanische Tagebuch meiner Mutter. € 20,50/287 Seiten. Piper, München 2003.

Foto: Archiv
1938 geht ein kleines italienisches Mäd- chen namens Dacia mit seinen Eltern an Bord eines Schiffes nach Japan. Die junge Familie ist ziemlich ungewöhnlich: Die Mutter stammt aus einer sizilianischen Aristokratenfamilie; sie brach aus den strengen Normen der Tradition aus und heiratete einen Ethnologen. Fosco Maraini war seinerseits ein Rebell. Als sein Vater ihm neben einem Job auch noch den Mitgliedsausweis der italienischen faschistischen Partei besorgte, zog der junge Wissenschafter es vor, mit dem Vater zu brechen und ein Stipendium für Japan anzunehmen, um sich dort der Erforschung der Ainus zu widmen. Dacia Maraini, eine der wichtigsten Autorinnen Italiens, erinnert sich an ihre Kindheit zwischen den Welten. Als Ariadnefaden dient ihr dabei das lapidare Tagebuch ihrer Mutter, das von 1938 bis 1941 reicht und oft nicht mehr verzeichnet als die Kinderkrankheiten, oder knappe Angaben zu Ausflügen und der Geburt der nachfolgenden Geschwister macht. Die Eltern, der vergötterte Vater und die fürsorgliche Mutter, der sie das Urvertrauen in die Welt verdankt, schienen den Hang zum weltoffenen Nomadentum weitergegeben zu haben. Dacia lernt Japanisch, integriert sich, erinnert sich an die Reisen, die sie später als Erwachsene gemacht hat.

Ein Familientagebuch ist etwas sehr Intimes. Maraini schafft es trotzdem, Distanz herzustellen und nicht betulich von Nichtigkeiten zu schwätzen. Sie verweigert Eitelkeiten mit bewundernswerter Disziplin. Es ist nur ein paar Zeilen lang von einer Reise mit Alberto (Moravia) und Pier Paolo (Pasolini) oder der hoffnungslosen Verliebtheit der Callas in Letzteren die Rede. Dann ist auch schon Schluss mit Einzelheiten und Berühmtheiten. Maraini pendelt zwischen der frühen Kindheit, Japan, den darauf folgenden Schultagen in Italien und dem Leben als Erwachsene hin und her, wobei besonders auffällt, wie liebevoll ihre Beziehung zu Eltern und Geschwistern ist.

Es gehört zu der grausamen Ironie der Geschichte, dass Fosco Maraini mitsamt seiner Familie, die sich so hellsichtig dem Faschismus entzogen hatte, am Ende in einem brutalen japanischen Konzentrationslager landete. Aber das, sagt Maraini, ist eine andere Geschichte. Sie will es ihrer Schwester überlassen, über sie zu schreiben. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.11.2003)