Steinerner Stolz des Wiener Bürgertums Kaum jemand nimmt sie wahr, die vielen Figuren an der Fassade des Wiener Rathauses. Ihr Programm repräsentiert das Selbstbewusstsein der liberalen Hauptstadt der Monarchie. Das Wien Museum widmete nun dieser plastischen Stadtgeschichte eine umfassende Ausstellung.

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Wien - Steine, die für die Geschichte der Stadt stehen - "ein frühes Beispiel dessen, was man heutzutage Stadtmarketing nennt", beschreibt sie Wolfgang Kos, Direktor vom Wien Museum. Es sind die vielen meist unbemerkten Figuren, die unter dem Rathausmann - der Stadtstatue schlechthin - ein Schattendasein fristen. Den Gipsmodellen für diese steinerne Dokumentation des städtischen Bewusstseins im ausklingenden 19. Jahrhundert wurde nun die Ausstellung "Wiener Stolz" im Wien Museum Karlsplatz gewidmet.

Foto: WienMuseum

Dafür wurden erstmals die 80 Modelle zu den Rathausskulpturen im Lager des Wien Museums wissenschaftlich aufgearbeitet und von Traute Fabich-Görg in einem umfassenden Katalog publiziert. Und wie sich zeigt, hatte sich auch beim plastischen Programm die selbstbewusste Kaisermetropole durchgesetzt. Bei der Gestaltung war nicht die ursprünglich gewünschte Darstellung von Babenbergern und Habsburgern umgesetzt worden - auch das religiöse Programm kam für die Rathausfassade nicht zum Zug.

Vielmehr wurden etwa die Tugenden des emanzipierten Bürgertums dargestellt, wie Ausstellungsgestalterin Renata Kassal-Mikula bei der Eröffnung erläuterte. Die Stadt präsentiert sich als Mittelpunkt der Monarchie - durch die figürliche Darstellung der Kronländer Cisleithaniens. Die wirtschaftliche Kraft des Bürgertums präsentiert sich über einzelne Berufsstände. Die Stadterweiterung wird über Wappenträgerinnen der Vorstädte dokumentiert.

Foto: WienMuseum

Das wehrhafte Wien

Dargestellt wird auch die Einsatzbereitschaft der Bürger durch Soldaten der Bürgerwehr - während der Türkenbelagerungen, der Franzosen-oder der Revolutionskriege. Mit einem Wiener Freiwilligen wurde sogar ein Ereignis dargestellt, dessen man sich in der Monarchie sonst weniger rühmte: die verlorene Schlacht von Solferino, die den Verlust der Lombardei zur Folge hatte. Daran wird nur deshalb erinnert, weil Franz Joseph I. in der Folge Demokratisierungsmaßnahmen setzen musste, die auch der Stadtregierung zugute kamen.

Das ist allerdings noch nicht der letzte feine Zwischenton, der von der Fassade des Wiener Rathauses abzulesen ist. Es geht auch noch viel deutlicher. Es wurden zwar Herrscher abgebildet - aber nur zwei Babenberger für den Erker im Hof und drei Habsburger am Hauptturm: Rudolf I., Rudolf IV. und Franz Joseph. Diese Reliefs wurden aber fast perfid angebracht. Wenn der Bürgermeister vom Festsaal aus den Balkon betritt, steht er über den drei Kaisern. (Roman Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.11.2003)

"Wiener Stolz"
bis 11.1.2004
Wien Museum, Karlsplatz
Di-Do, 9-18 Uhr

Foto: WienMuseum