Armut in der EU

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Das französische Gemeinschaftsprojekt über "Das Elend der Welt", Anfang der 90er von Pierre Bourdieu initiiert und geleitet, gab den Anstoß, sollte aber nicht nachgeahmt werden. Vielmehr adaptierten die Grazer Kulturanthropologin Elisabeth Katschnig-Fasch und ihr Team den Ansatz auf einen konkreten, im Wortsinn nahe liegenden Fall: Armut in Graz heute. In Gesprächen sollte der Grad gesellschaftlichen Leidens verstanden und erkannt werden, als erster Schritt, um Strategien zu entwickeln, "den Netzen der Machenschaften, die andere schaffen, zu entkommen" (Katschnig-Fasch). Das Projekt "Was das Leben schwer macht" wurde von der Abteilung Cultural Studies des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur gefördert. Die 23 Befragten aus unterschiedlichen Schichten brachten selbst "ihre soziale und kulturelle Entwurzelung zum Ausdruck. In vielstimmiger Zeugenschaft geben sie Einblick in die Auswirkungen des gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbaus auf das alltägliche Leben, auf lokale Kulturen, auf die Unerbittlichkeit einer globalen Entwicklung."

Die Eingangsfrage der Grazer Forschungsarbeit lautete: Ist, was aus anderen westeuropäischen Ländern geschildert wird, auch bei uns möglich? Im Gespräch mit dem ALBUM nimmt die Projektleiterin die Antwort vorweg: "Es ist auch bei uns gültig." Im Laufe ihrer Beobachtungen, ab 1997, sei ein Verarmungsprozess in Österreich "mit Wucht passiert".

Im Folgenden bringen wir eine gekürzte und redigierte Fassung der Einleitung zu dem Buch, das als Ergebnis der Studie soeben in Graz vorgestellt wurde.
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Die strukturbestimmenden Betriebe sind unter dem Druck der Weltmärkte unrentabel geworden, verstaatlichte Werke, Organisationen und Banken wurden und werden privatisiert und von überregionalen Konzernen übernommen, politische Entscheidungen haben sich der Diktatur der Wirtschaftseffizienz unterworfen. Damit verschwindet eine Sicherheit des Wohlfahrtsstaates nach der anderen. Sie werden nun als Fehlentwicklungen diskreditiert und abgebaut. Menschen, die darauf gesetzt haben, mit ihrem erworbenen Wissen und im Vertrauen auf einen kontinuierlichen Aufstieg einen entsprechend sicheren Arbeitsplatz und später eine lebenssichernde Pension zu bekommen, erleben die Entwertung ihrer erworbenen Qualifikationen und ihres Lebenswerkes. Ihre Laufbahnen, Gewohnheiten und Gewissheiten sind erschüttert. Wachsende Gefährdung des Mittelstandes

Die wachsende Gefährdung des Mittelstandes, die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, der Rückzug des Staates, die Zunahme informeller und unsicherer Arbeitsbedingungen, die Verschärfung der Konflikte um "Ausländer", zunehmende Gewaltbereitschaft - das alles ist zugegen. Lokale Kulturen verlieren ihre Identität, Orte und soziale Räume werden an die Peripherie gedrängt. Unter den euphemistischen Begriffen Individualisierung, Flexibilisierung, Mobilität, Privatisierung verkommen tradierte Befindlichkeiten und Ordnungen, soziale Rechte werden ökonomischen Interessen angepasst.

Die geringe Erfahrung der Österreicher und Österreicherinnen mit den Bedingungen und den Gesetzen, der Sprache und den Unterwerfungsmodalitäten der vorherrschenden anonymen Marktgesellschaft verunsichert und löst in allen Milieus Angst aus. Das historisch gut trainierte Vertrauen in den Staat ist erschüttert. Der Aufprall in einer neuen Realität geht mit materiellen Unsicherheiten, mit Beschränkungen der Lebensverhältnisse, mit sozialen Verschärfungen, mit einer spürbar gewordenen Bedrohung des Lebensgefühls und mit kulturellen Orientierungsverlusten einher. Gesellschaftliche Bedingungen Die gegenwärtige Fortschrittsgeschichte lässt die Menschen wie Gesichter im Sand verschwinden. Ihre Gefährdung zu benennen und die gleichwohl vorhandene Widerständigkeit der Menschen zu entdecken, das ist das Anliegen, das diesem Buch zugrunde liegt. In einer Gegenwart der Erfolgsparolen ist über das, was einem das Leben schwer macht, oder über das Scheitern zu sprechen freilich mit Scham und Kränkung verbunden, die eigene Einbindung in den schleichenden Prozess der Verschattung nicht abzuwehren fällt nicht leicht und bleibt in der alltäglichen Kommunikation tabuisiert. Gleichzeitig ist das Bedürfnis nach Gehörtwerden auch grundlegender geworden, was erklären mag, dass alle von uns befragten Frauen und Männer auch in der außergewöhnlichen Situation eines Interviews ihre Verletzungen, ihre Einsichten und Erfahrungen mit unglaublicher Ausdruckskraft zur Sprache gebracht haben. Gehört zu werden, sich selbst im Gespräch wahrzunehmen und seine leidvollen Erfahrungen dann auch von gesellschaftlichen Bedingungen verursacht zu erkennen, war den meisten der Befragten ein Anliegen. (...) Abwärtsbewegung Die Abwärtsbewegung ist trotz der Mobilisierung deutlich spürbar: Steigende Anzahl informeller Arbeitsverhältnisse, sinkende Kaufkraft, Glücksgeschäfte, mehr und mehr Kleinkünstler und akademische Taxichauffeure. Neue Gruppen formieren sich. Zu den Bettlern und Sandlern gesellen sich drogen- und alkoholkranke obdachlose Jugendliche. Die Gewaltbereitschaft steigt. Wenn auch von einigen politisch Verantwortlichen die soziale Lage ernst genommen wird, so bleiben konkrete Lösungen meist Hilfsorganisationen überlassen, die wiederum unter dem politischen Kalkül der ökonomischen Effizienz ausgehungert werden. Wenn sich die Kultur einer Stadt erst einmal als Kultur der Verdrängung etabliert hat, wird auch das Aufrechterhalten moralischer Barrieren immer schwieriger. "Zufälliges Ereignis" In den gesammelten Interviews berichten Frauen und Männer - ein Arbeiter, ein Dienstleister, zwei Verkäuferinnen, eine Call-Center-Mitarbeiterin und schließlich ein Journalist -, wie sie immer mehr gegenüber einem immer kleiner werdenden Kern gesicherter, gut bezahlter und anerkannter Positionen verlieren. Sie geben Einblick, wie sie zurechtzukommen versuchen und ihren mit viel Selbstdisziplin erarbeiteten Status dennoch nicht halten können. Je höher der im sozialen Gefüge angesiedelte, einmal erworbene oder zu erreichen erhoffte Status ist, desto schmerzhafter sind sein Verlust und die Enttäuschung. Alles hängt an Merkmalen, die zu erwerben schwierig und dann auch noch zu behalten, immer unmöglicher wird. Die Befragten sind entweder zu alt oder sie haben das falsche Geschlecht oder sie können wegen der Kinder nicht flexibel genug sein. Mitunter scheint es dann auch nur ein "zufälliges Ereignis" oder die eigene Schuld zu sein, das sie zwischen kurzer Beschäftigung und erzwungener Erwerbslosigkeit, zwischen Selbstständigkeit und Abhängigkeit gefangen hält. Selbst bei jenen, die sich noch in relativer Sicherheit wähnen können, wächst die Angst. Sie distanzieren sich, kündigen ihre Loyalität, womit sich ihr Problem, das sie eigentlich abwehren, erst recht beschleunigt. (...) Rückzug der staatlichen Verantwortlichkeit Den Rückzug der staatlichen Verantwortlichkeit spüren unweigerlich jene, die von der bürokratischen Gesetzesflut und den Anforderungen angesichts der desolaten Bedingungen, unter denen sie zu arbeiten haben, ausgebrannt und erschöpft sind. Einblick in die Konsequenzen des neoliberalen Umbaus des Staates auf das Schulwesen, die eigene Befindlichkeit und die seiner Kollegen und der Schüler eines Gymnasiums gibt ein Schuldirektor. Er berichtet von der Aussichtslosigkeit, den Anforderungen gerecht zu werden, vom Wertewandel, vom substanziellen Abbau unter den neuen strukturellen Veränderungen und er erzählt, was aus seinen Berufsvorstellungen und -idealen unter den Sparmaßnahmen und den von oben diktierten Regelungen geworden ist. Dass die Kollegenschaft zerfällt, beklagt ein "Lehrer zweiter Klasse", der als Nichtpragmatisierter nun durch die strukturellen und inhaltlichen Veränderungen im bislang wertgeschützten Bildungssystem Gefahr läuft, aussortiert zu werden, und um die existenzielle Sicherheit seiner Familie bangen muss. Eine junge Assistentin berichtet von ihrem aussichtslosen Kampf um Prestige und Anerkennung in der Arena Universität. Jetzt verstärkt sich die Erfahrung des Nichtdazugehörens durch die Ambivalenz weiblicher Sozialisation und den zunehmenden ökonomischen Effizienzdruck, der nun auch das akademische Feld beherrscht. (mf/DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.11.2003)