Wien/Istanbul - 1992 feierten die jüdischen Gemeinden in der Türkei das fünfhundertjährige Jubiläum der Einwanderung spanischer Juden ins Osmanische Reich. Sultan Bayezit II. hatte den von der Inquisition verfolgten etwa 250.000 Juden die Grenzen seines Imperiums geöffnet, worauf in Städten wie Istanbul, Edirne, Gelibolu, Bursa, Manisa oder Izmir nach kurzer Zeit blühende "sephardische" (von arabisch "Spanien") Gemeinden entstanden. Sie waren die Vorfahren der heute vor allem in Istanbul und Izmir beheimateten rund 25.000 türkischen Juden, die teilweise noch das mittelalterliche "Judeo-Spanisch" oder "Ladino" beherrschen.

Von diesem historischen Ereignis ausgehend, wird das Jahr 1492 fälschlicherweise als "Stunde Null" der türkischen Juden bezeichnet. Spuren jüdischen Lebens in Anatolien sind aber nach Angaben von Gelehrten bereits auf das Altertum zurückzuführen. Ausgrabungen in der Ägäis zeugen von jüdischen Siedlungen im 4. Jahrhundert v.Chr. und, neben anderen, berichtet der Geograph Strabon auch über dieses Volk. In den folgenden Jahrhunderten lebten Juden sowohl unter byzantinischer als auch seldschukischer Herrschaft in der heutigen Türkei; geschichtlich erwiesen ist ferner, dass der zweite osmanische Sultan Orhan Bey nach seiner Eroberung von Bursa mit einem gesonderten Dekret den Bau einer Synagoge in dieser Stadt erließ.

Der Vormarsch der Osmanen ließ die damals in dem betreffenden Gebiet lebenden, vornehmlich griechisch sprechenden Juden (die sog. "Romanoiden") aufatmen, worauf die ihnen nun neu zukommende Toleranz bald eine steigende Zuwanderung aus dem Westen erwirkte: "Aschkenasische" (d.h. deutschsprachige - im engeren Sinne: Jiddisch sprechende) Juden vornehmlich aus Frankreich, Süddeutschland und Ungarn fanden Zuflucht vor Verfolgungen seitens christlicher Herrscher und deren Fußvolk in der Türkei, wo sie sich vorerst in Thrazien und hier zunehmend in Edirne niederließen.

Sultan Süleyman "der Prächtige" (1520-1566) ist bekannt für seinen "Deutschen Erlass", mit dem er den Zustrom aschkenasischer Juden ermutigte, und die Neuankömmlinge nahmen diese Politik zum Anlass, die Einwanderung ihrer Glaubensgenossen auch mit eigenen Mitteln zu unterstützen. So wurden etwa im 17. Jahrhundert Tausende von Sklaven und Leibeigenen aus Osteuropa seitens wohlhabender türkischer Juden freigekauft und ins Land gebracht. Dieser Welle folgten freiwillige Einwanderungen von hunderten Familien aus Polen, Ungarn, Rumänien, Moldawien, der Ukraine und Russland, letztere in zunehmendem Maße aus Furcht vor den ab 1880 eskalierenden antisemitischen Pogromen.

Um die Jahrhundertwende lebten mehrere Tausend aschkenasische Juden vornehmlich in Istanbul, im Allgemeinen jedoch nicht integriert in die sephardischen Gemeinden, diese mit einer Gesamtbevölkerungsanzahl von etwa 50.000. Während die sephardische Bevölkerung zunehmend in Siedlungen am Goldenen Horn (wie Balat und Hasköy) sowie in den Gemeinden Ortaköy und Kuzguncuk zu beiden Seiten des Bosporus beheimatet waren, lebten die "Aschkenasim" vornehmlich im Stadtteil Galata. Dort entwickelte sich ein "ethno-spezifisches" Leben in einer Art Enklave, ähnlich den "Schtetls" Osteuropas.

Als geschichtlich dokumentierte älteste Synagoge der Istanbuler aschkenasischen Juden ist ein 1831 in der Hendek Strasse in Galata errichtetes hölzernes Bethaus bekannt. Dieses wurde im Jahre 1866 durch einen Brand zerstört, worauf im gleichen Jahre eine weitere, eher bescheidene Synagoge errichtet wurde. Da jedoch dieses Bethaus den Ansprüchen der wohlhabenden Gemeindemitglieder nicht gerecht wurde, kam es zu einer grundlegenden Renovierung, worauf schließlich im September 1900 der imposante "Österreichische Tempel" eingeweiht wurde. Ein bedeutender Anteil der zum Bau dieser Synagoge verwendeten 60.000 französischen Goldfrancs kam von Spenden österreichischer Juden. (APA)