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Gewalt begleitet afghanische Frauen auf Schritt und Tritt: Ob im Gefängnis oder zu Hause in ihren Familien
Foto: REUTERS/ZAINAL ABD HALIM
Medica Mondiale ist eine deutsche NGO, die seit zehn Jahren im Bereich der Frauengesundheit in ehemaligen Kriegsgebieten tätig ist. Ihr Fokus liegt auf der psychologischen Unterstützung von traumatisierten Frauen und Opfern sexualisierter Gewalt, dem Durchsetzen von Frauenrechten und der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Mit Rachel Wareham, Lobbyworker von Medica Mondiale in Kabul, sprach Ina Freudenschuß am Rand der "Women Included"-Konferenz über inhaltliche Prioritäten, den Mangel an Mitarbeiterinnen und die Zusammenarbeit mit der UNO.

dieStandard.at: Wo liegen eure derzeitigen inhaltlichen Schwerpunkte in Afghanistan?

Rachel Wareham: Medica Mondiale ist seit letztem Jahr in Afghanistan tätig. Grundsätzlich ähnelt unser Einsatz in Afghanistan denen in Bosnien, dem Kosovo und Albanien. Vorrangig geht es uns darum, die medizinische Versorgung von Frauen in Krisengebieten zu verbessern und eine frauenspezifische medizinische Behandlung zu fördern.

In Afghanistan liegt ein Fokus auf unserem "legal program", in dem wir JuristInnen und VertreterInnen von Institutionen dazu schulen, Frauenrechte wahrzunehmen und sie zu verteidigen. Parallel dazu arbeiten wir auch mit weiblichen Gefangenen in Afghanistan, die beispielsweise in der Zelle sitzen, weil sie von Zuhause weggelaufen sind, meist aus Angst vor Gewalt. Solche Verbrechen werden in der afghanischen Gesellschaft als moralische Vergehen angesehen, was JuristInnen davon abhält, sie gesetzlich zu vertreten. Hier ist vor allem Bewusstseinsarbeit notwendig. Übrigens auch bei den Gefängnisleitern, die mittlerweile so weit sind, ihre Rolle bei der Durchsetzung von Frauenrechten zu erkennen.

Dazu gesagt werden muss aber auch, dass viel mehr Männer als Frauen in den Gefängnissen sitzen. Wir erhoffen uns allerdings durch eine stärkere rechtliche Vertretung der Frauen einen positiven Effekt für die Situation der Männer.

Ein Fokus liegt derzeit auch auf Zahlen-Erhebungen über das Ausmaß von Kinderheiraten. Dazu gibt es überhaupt keine Informationen, was für uns die Einschätzung der Problematik natürlich nicht leichter macht. Grundsätzlich ist jedoch die Verheiratung von 13-jährigen Mädchen und noch jüngeren keine Seltenheit. Meistens ist die Heirat gleichbedeutend mit der Aufgabe ihrer Schulausbildung.

dieStandard.at: Ihr seid aber auch im Bereich der Weiterbildung tätig, ist das richtig?

Ja. Wir bieten für Psychologinnen und Frauenarbeiterinnen einen vierjährigen Lehrgang zur Behandlung von (kriegs-)traumatisierten Frauen an. Die Ausbildung dauert deshalb so lange, weil wir nach dem Modell der Selbsterfahrung arbeiten, das heißt, die Auszubildenden absolvieren eine Art Therapie während des Trainings. Auf jedes Jahr fallen 30 Trainingstage.

dieStandard.at: Wie finanziert ihr euch?

Wareham: Erstaunlicherweise haben wir uns bisher ausschließlich durch Spenden finanzieren können. Nach dem Jugoslawien-Krieg gab es in Deutschland wirklich eine große Bereitschaft, unser Anliegen zu unterstützen. Leider sind die Spenden in der letzten Zeit massiv zurückgegangen, insofern sind wir nun auch gezwungen, bei der EU und dem Staat um Förderungen anzusuchen.

dieStandard.at: Für Frauen, die euch bei eurer Arbeit in Afghanistan unterstützen wollen: Welche Qualifikation sollten sie mitbringen?

Wareham: Generell sollten die Frauen einen gendersensiblen Zugang haben. Ein Bewusstsein für die unterschiedlichen Ausformungen von Gewalt gegen Frauen ist ebenso notwendig wie eine anti-rassistische Perspektive. Wir suchen Frauen, die mit der Begutachtung von Frauenhäusern vertraut sind und welche, die das Management von Frauenhäusern lehren können. Wir brauchen auch Leute für unsere Budgetplanung und das Controlling und für administrative Zwecke. Zum anderen sind wir auch auf der Suche nach Psychologinnen, die im Bereich des Opferschutzes einen Lehrgang für Therapeutinnen in Kabul mitgestalten bzw. darin lehren wollen. In den letzten Monaten haben wir aufgrund der internationalen Förderung stark expandiert und die afghanischen Frauen wollen vor allem Training im Aufbau von eigenen Organisationen.

dieStandard.at: Im Zuge der Konferenz "Women included" ist auch immer wieder Kritik an der UNO lautgeworden. Vielfach wurde eine mangelnde Bereitschaft der UNO beklagt, konstruktiv mit anderen NGOs zusammenzuarbeiten. Wie seht ihr die Situation?

Wareham: Es ist schon so, dass die UNO gerne ihre Namen auf Projekte setzt, die als erfolgreich angesehen werden. Was daran auch stört, ist die Art und Weise, wie die Arbeitsfelder in der Öffentlichkeit dargestellt werden: Oft hat das mit der Realität der Leute, die diese Arbeit tatsächlich machen, nicht mehr viel zu tun. Bezogen auf unser Gefangenen-Projekt in Kabul haben wir aber eigentlich ganz gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit der UNO gemacht, sie ist einfach ein Teil unseres Netzwerkes.

dieStandard.at: Wie schätzt ihr den Einfluss von Frauen in der UNO ein? Inwieweit ist die UNO patriarchal geprägt?

Wareham: Die UNO hat ja viele Untergruppen mit unterschiedlichen Ausrichtungen, insofern ist diese Frage nicht so leicht zu beantworten. Ich habe als Beraterin für die UNO im Kosovo und für UNIFEM gearbeitet und meine Kritik lautet eher, dass die UNO als solche ihre Machtbeziehungen zuwenig bis gar nicht hinterfragt. Die UNO sieht nicht, dass sie mit ihrer Arbeitsweise Machtdynamiken in Gemeinschaften beeinflusst. Ich glaube, ein Grund, warum sie das nicht tut, ist, weil sie sich als multikulturell betrachtet und insofern erhaben über solche Diskussionen zu sein glaubt.

Ob sie nun patriarchal geprägt ist? Zum Teil sicher. Auf der anderen Seite kann ich gerade aufgrund meiner Erfahrungen bei UNIFEM sagen, dass es vor allem männliche Politiker in Europa waren, die sich im Bereich des Frauenhandels für die Rechte der Frauen eingesetzt haben. Und diejenigen Frauen, die von UNIFEM aus den am meisten von Frauenhandel betroffenen Ländern engagiert wurden, nahmen eine ziemlich konservative Haltung ein. Die größten Feinde der Frauenrechte sind nicht immer die Männer...

dieStandard.at: Noch eine letzte Frage: Wo kann man sich über eure Arbeit genauer informieren?

Wareham: Natürlich über unsere Website, aber wir planen für nächsten Frühling auch einen Reader mit dem Titel "Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen", wo unsere Erfahrungen in der Arbeit mit traumatisierten Frauen für die unterschiedlichsten Arbeitsfelder aufbereitet werden.

dieStandard.at dankt für das Gespräch.