Porto Alegre/Wien - Zwölftausend? Zwölftausend! Wer hätte gedacht, dass so viele Österreicher Faustball spielen?! Die zehn allerbesten ebenjener weilen gerade in Porto Alegre, dort haben die Brasilianer ein Stadion an den Strand gestellt, wie es sonst nur die Beachvolleyballer kennen. Brasilien liegt bei der elften WM eine Woche lang im Faustballfieber, schließlich ist es bei der zehnten WM (1999, Schweiz) gelungen, den neunmaligen Weltmeister Deutschland zu entthronen. Insgesamt elf Nationen nehmen teil, in der A-Gruppe spielen sechs Länder um die Medaillen, in der Reihung der WM '99: Brasilien, Deutschland, Österreich, die Schweiz, Argentinien und Namibia. Zum Auftakt haben die Österreicher gestern mit 2:0 (20:11, 20:9) gegen Namibia gewonnen.

Faustball funktioniert ähnlich wie Volleyball, das Feld ist halt größer (50 mal 20 Meter), deshalb wird vorwiegend im Freien gespielt, dafür darf der Ball vor jedem Schlag einmal am Boden aufkommen. Das Feld wird von einer in zwei Meter Höhe gespannten Leine geteilt, über diese Leine ist der Ball mit möglichst viel Kraft und Raffinesse zu schmettern, auf dass ihn die andere Mannschaft irgendwann nicht mehr zurückbekommt. Fünf Spieler teilen sich die Aufgaben Verteidigung, Aufspiel und Angriff.

"Freundschaften auf der ganzen Welt"

Österreich hat zuletzt eher angegriffen, 2001 die World Games und 2002 die EM gewonnen, da haben die Deutschen schön geschaut. Die haben den Faustball, dessen Urform bereits im dritten Jahrhundert vor Christus von Plautus erwähnt wurde, zu Beginn des 20. Jahrhunderts neu erfunden, Auswanderer trugen ihn dann in die Welt, vor allem nach Südamerika. "Die Faustballer bilden eine große Familie", sagt Martin Weiß, Österreichs Teamkapitän. "Es sind Freundschaften auf der ganzen Welt entstanden." Bei Turnieren oder Trainingslagern bedeutet Gastgeben auch, dass man den Gäste tatsächlich auch Quartier gibt. Und in der heimischen Bundesliga trainieren Spieler, die beruflich unterwegs sein müssen, regelmäßig einfach bei anderen Vereinen mit.

Martin Weiß (26) war bereits Legionär, zwei Saisonen lang hat er in der brasilianischen Liga in Novo Hamburgo gespielt, wo sich die Österreicher zuletzt auch auf die WM vorbereiteten. Der Oberösterreicher stammt aus einer Faustballdynastie, sein Vater Karl ist Präsident des Verbands, Bruder Dietmar spielt ebenfalls im Team, Bruder Wolfgang ist auf dem Weg dorthin. Faustball, sagt Martin, sei sehr anspruchsvoll, den Spielern werde punkto Ausdauer, Schnellkraft und Gewandtheit sehr viel abverlangt. "Und Faustball ist unverdorben, weil kaum Geld auf dem Spiel steht."

Offensiv gut bestückt

Die Erfolge und die Zuversicht der Österreicher kommen nicht von ungefähr, seit Jahren wird im Nachwuchsbereich vorzüglich gearbeitet, das U-18- und das U-21-Team holten EM-Titel. Vor allem offensiv ist die WM-Mannschaft wie nie zuvor bestückt, Teamchef Ernst Almhofer hat nicht bloß einen oder zwei, sondern vier, fünf Top-Angreifer zur Verfügung, so ist man für den Gegner kaum auszurechnen.

Der Faustball ist übrigens, obwohl ihn auch Damen schlagen, nicht olympisch, das Interesse der Wirtschaft enden wollend. Freilich sind viele Faustballer darüber gar nicht unglücklich. Denn Olympia hieße mehr Geld, und mehr Geld hieße weniger Freundschaft. "Und es ist vor allem die Freundschaft", sagt Kapitän Weiß, "die meinen Sport so einzigartig macht." (DER STANDARD, Printausgabe, 17. November 2003, Fritz Neumann)