Wien - Vor 125 Jahren wurde das Antiquariat Deuticke gegründet, gemeinsam mit dem Buchverlag. Seit knapp einem Jahrhundert residiert die Traditionsbuchhandlung in der Helferstorferstraße. Das Ende ist nüchtern: Gelbe Zettel mit "Alles minus 50 %" künden vom vollkommenen Abverkauf der gewaltigen Buchbestände. Mit 31. Dezember schließt die Buchhandlung, wird selbst ein Teil jener viel beschworenen Vergangenheit literarischen Lebens, deren Früchte sie bisher feilbot.

Ende der Achtzigerjahre ging die Buchhandlung, gemeinsam mit dem Verlag Deuticke, in Bundesbesitz über, wurde Bestandteil des Österreichischen Bundesverlags. Mit dem Verlag wurde sie dann an den Stuttgarter Klett Verlag verkauft. Nun soll der Besitzerwechsel den Hauseigentümer Schottenstift zu einer Mietpreiserhöhung um 200 Prozent verführt haben - ein Preis, den Klett, weniger interessiert an Kulturgeschichtliche als an positiven Bilanzen, nicht zu zahlen bereit war, zumal das Antiquariat keine schwarzen Zahlen mehr schrieb.

Was bleibt, ist die Erinnerung an ein Antiquariat, das in seiner Spezialisierung auf Werke der Psychoanalyse (Siegmund Freud hatte einst im Verlag Deuticke publiziert) und österreichische Literatur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu den herausragenden Häusern Österreichs zählte. Was bleibt, ist auch eine Hoffnung. Denn schließlich ist ein Antiquariat weniger ein Haus oder eine Marke als vielmehr eine Seele, oder nüchterner: Fachwissen und Kontakte. Für beides bürgten bei Deuticke seit zwanzig Jahren Norbert Donhofer, der Vorsitzende des Verbands der Antiquare Österreichs, und Andreas Moser. Die beiden, so ist zu hören, planen nun, sich selbstständig zu machen. So wechselt das Wissen nur seine Adresse - und seinen Namen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2003)