Wien - Ein geradezu liebliches Phänomen des Kulturbetriebs ist das geisteswissenschaftliche Symposium. Zu zwingenden oder weniger zwingenden Anlässen unterzieht sich ein Mitglied des universitären Lebens der aufreibenden Aufgabe der Tagungsorganisation. Es lädt dazu neben prestigesteigernder Prominenz der Einfachheit halber alte Freunde und Kollegen - weshalb meist der Name des Einladenden genügt, um die Liste der Redner sinnvoll zu ergänzen.

Weil nun aber die Themen ihre akademische Herkunft durch größtmögliche Verklausulierung des Titels unter Beweis stellen, hält sich das Publikum auf den als öffentlich deklarierten Veranstaltungen in Grenzen. Um genauer zu sein: Das Publikum besteht im Wesentlichen aus den Vortragenden selbst.

Das ist auch gut so. Denn allein die Redner kennen das Ritual des Symposiums. Neben dem eigenen Redebeitrag, der meist weniger dem Interesse am Thema geschuldet ist als der Erweiterung des karriere-relevanten Curriculum Vitae, (und der sich recht bequem aus früheren Vorträgen recyceln lässt), zählt zu ihren Obliegenheiten, dem Kollegen oder der Kollegin nach deren Rede eine hochinteressierte Frage zu stellen. Und derart den Anschein einer lebhaften Diskussion zu wahren. Das von John Pattillo-Hess zum nunmehr 16. Mal in der Wiener Urania organisierte "kulturanthropologisch-philosophische Canetti-Symposium" weiß sich diesem eng gesteckten akademischen Rahmen immer wieder listig zu entziehen (ohne seinen ritualisierten Zwängen aber ganz zu entgehen). Allein die thematische Beschränkung auf stets dasselbe Werk - Elias Canettis Masse und Macht - befreit die Reihe im Lauf der Jahre von angestrengter Werkexegese und öffnet den Assoziationsraum weit. Zumal wenn das Subthema - wie in diesem Jahr - "Die Verwandlung" heißt, mag keiner auf strengem Rahmen bestehen. Am wenigsten Pattillo-Hess.

Also eröffnete die Bonner Germanistin Hiltrud Gnüg mit einem Vortrag über Dystopien und die Kontinuität der Ungeziefer-Metapher; Franz Schuh würdigte ingeniös den "Nicht-Erfinder" Canetti und sein "Bestehen auf der Würde des Daseienden"; Antonio Fian fand über Franz Innerhofer den Weg zu Bret Easton Ellis; und Festredner Leon de Winter äußerte Besorgnis über jenen Antisemitismus, der sich in Europa zu manifestieren scheint, wenn sechzig Prozent der Bevölkerung in Israel die größte Bedrohung des Friedens zu erkennen meinen.

Die Entwandlung des Canetti-Symposiums schließlich vollzog der krönende Tao-Workshop mit Huey Ming. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 11. 2003)