Standard:Was ist das größte soziale Problem in Serbien? Dinkic: Eine Million Menschen sind arbeitslos. In vormals staatlichen Firmen, die erst noch umgestaltet werden müssen, werden noch rund 400.000 Arbeitnehmer ihren Job verlieren. Diese Menschen haben kein Einkommen, können keine Beiträge für Versicherung und Steuern zahlen. Dafür muss der Staat aufkommen. Deshalb fehlt das Geld, um die sozialen Probleme von arbeitsunfähigen und alten Menschen und Kindern zu lösen. Es ist ein Teufelskreis. Standard: Was geschah nach dem Milosevic-Sturz? Dinkic: Wir haben nach der Wende eine neue soziale Politik parallel zu den wirtschaftlichen Reformen erwartet. Die Regierung hat sich jedoch ungenügend mit diesem Problem befasst. Die Marktwirtschaft in einem Transitionsland fordert eine Sozialpolitik, eine Umverteilung mittels fiskalischer Instrumente, einfacher gesagt, höhere Steuern für reichere Menschen. Es muss ein sozialer Schutz für die gefährdete Kategorien der Bevölkerung geschaffen werden. Standard: Warum geschieht das nicht? Dinkic: Ein Jahrzehnt lang unter Milosevic, zur Zeit der Kriege und Hyperinflation, sind aufgrund der Unterschiede zwischen dem offiziellen und dem schwarzen Devisenkurs enorme Reichtümer entstanden. Staatliche Firmen sind ruiniert und von politisch privilegierten Geschäftsleuten für einen Pappenstiel aufgekauft worden. Und ausgerechnet viele auf diese Weise reich gewordenen Unternehmer sitzen heute, wie damals, an der Spitze regierender Parteien. Sie schützen nur ihre eigenen Interessen. Wir schätzen, dass in Serbien etwa 12.000 wirklich reiche Menschen leben. Standard: Wie hoch ist das Durchschnittseinkommen? Dinkic: Das beträgt rund 12.000 Dinar, 180 Euro, im Monat. Bisher sind nur relativ wenige erfolgreiche Firmen privatisiert worden, wie Zementwerke, Tabakwerke oder Brauereien. (iva/DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2003)