Wien - "Born into conflict": Mit den "Menschenrechten von Kindern in Israel und Palästina" befasst sich zu Wochenbeginn ein hochrangig besetztes Symposion in Wien, organisiert von mehreren Veranstaltern (Israel-Palestine Project IPP, Institut für Internationale Politik OIIP, Boltzmann-Institut für Menschenrechte) und abgehalten im Kreisky-Forum. Der Befund, welche Folgen der israelisch-palästinensische Konflikt, speziell die Zweite Intifada, für die Gesellschaft hat, fällt verheerend aus, und zwar für beide Seiten, wie die israelische Psychiaterin Ruchama Marton, Gründerin von "Ärzte für Menschenrechte", im Gespräch mit dem STANDARD versichert.

In der israelischen Gesellschaft ortet Marton eine zunehmende Gewalttätigkeit: Die Mordrate an Frauen in der Familie habe sich etwa in den vergangenen drei Jahren verdoppelt, die Zahl der Vergewaltigungen steige. Heute seien blutige Auseinandersetzung als Folge eines Parkplatzstreits beinahe an der Tagesordnung, "das Messer wird sofort gezogen".

"Das Leben ist sehr billig geworden", sagt Marton, und zwar nicht nur durch den Terrorismus, sondern auch durch die selbst verübte Gewalt in den Palästinensergebieten: "Das Virus macht nicht an der Grenze halt. Wenn ein Mann einmal einen Menschen getötet hat . . " Den psychischen Stress, dem israelische Soldaten unterworfen sind, will sie dabei nicht als Entlastung gelten lassen: "Worum geht es denn bei der Zivilisation? Darum, Nein zu sagen - wie übrigens in den meisten der zehn Gebote."

Aus ihrer therapeutischen Praxis kann sie berichten, dass ein Großteil der Fälle heute Probleme mit Kindern betrifft, die Eltern seien angesichts der neuen Realitäten hilflos. Der Terrorismus führe zu "völligem Vertrauensverlust" und "kognitiven Störungen". Dabei seien die meisten Israelis "aktiv ignorant", was die Besetzung betrifft, sie wüssten nicht, was in den Palästinensergebieten vor sich geht, "obwohl da kein Meer dazwischenliegt wie zwischen Frankreich und Algerien". Marton ordnet auch den Sperrwall zwischen Israel und den besetzten Gebieten hier ein, zur Verhinderung menschlicher Kontakte: Es sei "leichter, das Unsichtbare zu dämonisieren".

An erster Stelle, was die Unsicherheit in Israel betrifft, sieht Marton jedoch die Kriminalität; vor allem die organisierte Kriminalität, sprich die Mafia, sei im Wachsen begriffen. Die Kinder seien weiters betroffen von der dramatisch werdenden Kluft zwischen Arm und Reich, ein Drittel der Kinder sei auf soziale Fürsorge angewiesen.

Was die Zukunft der palästinensischen Kinder betrifft, fordert Marton die STANDARD-Redakteurin auf, "alle schrecklichen Wörter zu schreiben, die Sie kennen". Viele seien physisch und psychisch schwer geschädigt, unterentwickelt, Folge von jahrelanger schlechter Ernährung, unregelmäßigem Schulbesuch, Gewalt von innerhalb und außerhalb. "Wie können sie ,normal' sein? - Und sie werden selbst Kinder haben."

Im Selbstmordattentäter sehen viele palästinensische Kinder ein Rollenmodell: In den palästinensischen Gebieten habe man "sehr wenig Kontrolle über sein Leben", sagt Marton, mit dem Selbstmordattentat jedoch "Kontrolle über den Tod. Niemand kann ihnen wehtun, wenn sie sich selbst töten." (DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2003)