Mit Dienstag ist die Buchwoche im Wiener Rathaus allgemein zugänglich. Im Wiener Rathaust und (kontingentiert) in Buchhandlungen, in den Volkshochschulen und (für Schulen) im Stadtschulrat gibt es ein Gratisbuch, gesponsert von der Stadt und der Fernwärme Wien.

Die Aktion fand erstmals im letzten Jahr statt - mit Frederic Mortons Wien-Roman Ewigkeitsgasse. Im Prinzip ist es bemerkenswert und einzigartig, dass ein Buch verschenkt wird. Nur sollte noch klarer werden, warum ein bestimmtes ausgewählt wird. Zum Beispiel heuer. Da wollte man noch höher hinaus. Bis hinauf zum Nobelpreis. Ein Buch von Imre Kertész, Literaturnobelpreisträger 2002, wird verteilt: Schritt für Schritt. Es ist ein Drehbuch, hervorgegangen aus seinem Hauptwerk Roman eines Schicksallosen (1975).

So erfreulich diese Aktion ist, so ist es doch sehr ärgerlich, wie fahrlässig im Umfeld der öffentlichen Ankündigungen zur Verteilung von Schritt für Schritt die gigantischen Unterschiede zwischen Roman und Drehbuch verwischt werden. Es wirkt eigentlich lieblos: Hauptsache, ein Nobelpreisträger. Was, ist ganz egal. Es ist aber keineswegs egal.

Der Roman, an dem Imre Kertész zwei Jahrzehnte schrieb, ist seiner künstlerischen Kühnheit wegen ein Höhepunkt der Literatur des 20. Jahrhunderts - für diesen Roman primär wurde Kertész mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Niemand noch hatte die Erfahrung des KZ so unkonventionell, so im Schreiben noch einmal schaffend, vermittelt wie Kertész in diesem avantgardistischen Werk: autobiografisches Material aus Buchenwald, das er aber von "Persönlichem" frei machen wollte, um das Diktatorische, das Persönlichkeitsauslöschende im KZ und in der Diktatur zu zeigen.

Die Ausgeliefertheit

Das war die Erfahrung der "Schicksallosigkeit", die Kertész in seinem Galeerentagebuch, mit dem er die jahrzehntelange Arbeit unter Extrembedingungen im realsozialistischen Kádár-Kommunismus 1965 so definierte: "Was bezeichne ich als Schicksal? Auf jeden Fall die Möglichkeit der Tragödie. Die äußere Determiniertheit aber, die Stigmatisierung, die unser Leben in eine durch den Totalitarismus gegebene Situation presst, vereitelt diese Möglichkeit: Wenn wir also als Wirklichkeit die uns auferlegte Determiniertheit erleben statt einer aus unserer eigenen relativen Freiheit folgenden Notwendigkeit, so bezeichne ich das als Schicksalslosigkeit."

Nun aber: Verteilt wird jetzt in Wien nicht dieses Hauptwerk. Sondern ein Drehbuch zu einem Film, den es noch nicht gibt. Ist das nun dasselbe, Drehbuch und Roman? Entgegen dem einschüchternden Sprichwort, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen dürfe, sei ebendies hier doch getan. Als Plädoyer für die Literatur. Als Plädoyer für einen sorgfältigeren Umgang mit ihr. Dieser sollte schon mit anderen Formulierungen beginnen, nicht so wie die Presseaussendung zu diesem Verschenk-Projekt, wo von einer "neuen Fassung des Romans, angereichert mit autobiografischem Material" gesprochen wird.

Abgesehen davon, dass die Arbeit von Kertész am Roman gerade in der Abstraktion des "autobiografischen Materials" bestand: Ein Drehbuch ist eben nicht eine "neue Fassung eines Romans". Das sind - wie alle Lehrer(innen), die dieses Buch hoffentlich trotzdem in Fülle verteilen werden, genau wissen und unterrichten - zwei völlig verschiedene Gattungen.

Eine Mogelpackung

Im Anhang des Gratisbuches unterscheidet Kertész in einem Interview ganz streng und genau zwischen den beiden Gattungen: "Der Roman eines Schicksallosen ist eine Welt, die ich als Schriftsteller durch die Sprache geschaffen habe - künstlerisch betrachtet eine geschlossene Welt. Schritt für Schritt entstand fast dreißig Jahre später, es ist viel mehr anekdotisch und persönlich, also alles das, was ich im Roman eines Schicksallosen vermeiden wollte." Der Roman sei ein "radikales, philosophisches Werk", das Drehbuch eben ein Drehbuch.

Das beste, was diese Aktion bewirken kann, ist: Dass sich alle gerne und unbedingt den Roman kaufen wollen. Oder auch die in ihrer Klarheit und Tiefe einzigartigen Essays (Roman wie Essays sind noch als Rowohlt-Taschenbuch erhältlich). Schade nur, dass nicht schon gleich eines dieser beiden Bücher verschenkt wird. So kann man sich nur selbst einen Vorgeschmack verschaffen, im Anhang. Da ist die Rede zum Nobelpreis abgedruckt. Und erst hier finden sich Sätze, die das Drehbuch davor besser greifbar machen, Sätze zum Verhältnis von Privatleben und Diktatur.

Sätze, aus denen alle lernen können: "Dort (in der Diktatur) hieß das philosophische Axiom, die Welt ist eine unabhängig von uns existierende Realität. Ich dagegen kam an einem schönen Frühlingstag 1955 auf den Gedanken, dass nur eine einzige Realität existiert, diese Realität aber bin ich selbst, mein Leben, dieses zerbrechliche und mir für unbestimmte Zeit zugesprochene Geschenk, das unbekannte, fremde Mächte beschlagnahmt, verstaatlicht, determiniert haben." (DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2003)