Negativrekord in Österreich: Bereits 920.000 gerichtliche Pfändungen jährlich

Foto: Schepul
Wien - Die Bank des Gläubigers wirft ihren PC an und reicht ohne viel Federlesens elektronisch die Mahnklage bei Gericht ein. Das Gericht fungiert de facto nur noch als Drucker und versendet postwendend den eingeschriebenen bedingten Zahlungsbefehl. Erhebt der Schuldner nicht binnen vier Wochen Einspruch, steht der Pfändung nichts mehr im Weg.

Der Traum von der Verwaltungsvereinfachung ist wahr geworden: Kaum hat der Gläubiger den Exekutionstitel in der Hand, bekommt er - weltweit einzigartig, sagen Schuldnerberater - auch die entsprechende Informationen über den Arbeitgeber des Schuldners vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Die Lohnpfändung kann beginnen.

Anonymer Rechtsweg

"Der anonyme elektronische Rechtsweg hat die Zahl der Pfändungen in Österreich explodieren lassen. Wir haben ein extrem hohes Niveau erreicht, und die Zahl der Pfändungen nimmt trotz der Möglichkeit zum Privatkonkurs (3500 jährlich, Anm.) nicht ab. Daran sieht man deutlich, dass die Intention des Gesetzgebers eigentlich gescheitert ist", sagt Alexander Maly, Gründer der Schuldnerberatungen in Österreich.

Pro Jahr gibt es in Österreich bei 3,3 Millionen unselbstständig Erwerbstätigen rund 740.000 Lohnpfändungen und 920.000 gerichtliche Pfändungen (so genannte "Fahrniss-Pfändungen") durch den Exekutor. Neue Schätzungen aus Salzburg und Oberösterreich, bundesweit sind für 2003 noch keine Daten verfügbar, zeigen, dass die Zahl der Exekutionen in diesem Jahr um zwölf Prozent gestiegen sein dürfte.

Maly sieht neben dem elektronischen Rechtsweg, der eine ausführlichere die Beschäftigung mit den Lebensumständen der Schuldner hintanstelle, auch neue "Schuldenfallen" als Grund für diesen Trend an.

"Tabu ist gefallen"

"Banken und auch Handybetreiber brechen massiv in den Markt der unter 18-Jährigen ein. Früher war es etwa im Bankensektor Usus, keine Kredite an Leute ohne eigenes Einkommen zu vergeben. Dieses Tabu ist gefallen", so Maly.

Mittlerweile hätten im Segment der "Schülerkonten" 50 Prozent bereits Überziehungsrahmen. "Da erfolgt die Erziehung zum Schuldenmachen." Hintergrund ist: Am 1. Juli 2001 wurde das Alter für die volle Geschäftsfähigkeit von 19 auf 18 Jahre herabgesetzt. Der Anteil der Klienten der Schuldnerberatung, die noch keine 25 Jahre alt sind, ist in den letzten Jahren von sieben auf 21 Prozent gestiegen.

Vielfach wird auch die Euroumstellung als Schuldenfalle genannt. Ferdinand Herndler, Chef der Schuldnerberatung Oberösterreich, sagt: "Mit dem Euro wurde scheinbar alles billiger, vor allem aber sind die Schulden von heute auf morgen betragsmäßig viel kleiner und damit nicht mehr so bedrohlich geworden." (Michael Bachner, DER STANDARD Printausgabe, 20.11.2003)