Rosemary Hollis rät den USA zu der britischen Anti-Terrorstrategie: Die Bevölkerung müsste gewonnen werden. Niemand dürfte ohne Gerichtsverfahren eingesperrt werden, keine Dörfer umzingelt, es solle möglichst wenig militärische Gewalt angewandt werden.

Die Orientexpertin Rosemary Hollis empfiehlt der US-Armee im Irak, die britische Antiterror-Strategie anzuwenden. Sie müsse versuchen, die Menschen zu gewinnen, sagte sie Frank Herrmann in London.


STANDARD: Während die Amerikaner im Irak fast täglich Verluste beklagen, ist es in der britischen Besatzungszone relativ ruhig. Was kann George W. Bush daraus lernen?

Hollis: Die Briten im Südirak haben es, anders als die Amerikaner im sunnitischen Dreieck, mit Schiiten zu tun. Auch die mögen die Okkupation misstrauisch beäugen, aber bisher verhalten sie sich passiv. Zudem wenden die Briten eine Antiterrorstrategie an, die sie in schmerzlichen Lektionen in Nordirland gelernt haben. Die Amerikaner folgen eher dem israelischen Modell. Sie konzentrieren sich darauf, Terroristen auszuschalten. Die britische Armee versucht, Terroristen zu isolieren und die Masse der Menschen für sich zu gewinnen, statt sie den Gewalttätern zuzutreiben.

STANDARD: Was sind die nordirischen Lehren für den Irak?

Hollis: Sie dürfen niemanden ohne Gerichtsverfahren einsperren. Sie dürfen nicht ganze Dörfer umzingeln wie Internierungslager, in der Hoffnung, damit Terroraktionen zu verhindern. Sie müssen möglichst wenig militärische Gewalt anwenden. Die USA machen im Irak dieselben Fehler, die das Empire dort in den Zwanzigerjahren beging. Die Briten probierten damals ihre Luftwaffe aus. Damit brachten sie nur die Zivilbevölkerung gegen sich auf.

STANDARD: Aber ist denn das, was im sunnitischen Dreieck passiert, nicht schon ein ausgewachsener Guerillakrieg? Lässt sich dort überhaupt noch etwas korrigieren?

Hollis: Die Besatzungsmächte haben gar keine Alternative dazu, die Verantwortung schnell an die Iraker abzugeben. Eine Zeit lang schien es möglich, die UNO stärker einzubeziehen. Mit ihr als Dach hätte die Besatzung nicht ausgesehen wie eine Demonstration amerikanischer Stärke. Dann detonierten Bomben im UN-Quartier und beim Roten Kreuz. Die Attentäter waren darauf aus, die UN abzuschrecken. Das ist ihnen gelungen.

STANDARD: Falls Bush und Blair ihre Truppen hastig abziehen, bricht dann das Chaos aus?

Hollis: Die USA haben sich für eine radikale Wende entschieden. Sie wollen so schnell wie möglich raus und die Verantwortung den Irakern übergeben. Je länger sie bleiben, desto stärker facht das den Widerstand an. Sie werden sicher im Hintergrund präsent bleiben, offiziell vielleicht so formuliert, dass sie auf Bitten der lokalen Behörden Soldaten im Irak lassen.

STANDARD: Hat es London auch so eilig wie Washington?

Hollis: Wir haben nicht viel Freude daran, dass wir im Irak sind. Die Briten wollen nicht Hals über Kopf abhauen, sie wollen das Land stabilisieren. Aber als Juniorpartner haben sie gar keine andere Wahl, als sich jeder neuen amerikanischen Strategie anzupassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2003)