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... und verwandelt sich in ein verschlafenes mediterranes Dorf


Paul Nguyen steht auf dem Tisch und erzählt seine Lieblingsgeschichte. Wie er mit sechs Jahren vor dem letzten vietnamesischen König gesungen hat, er ganz allein, im imperialen Palast von Hué. "Ich hatte einen wundervollen Sopran", ruft er, und die Gäste im Vien Dong in der Altstadt von Saint Tropez hören gespannt zu. "Deshalb haben mich die Mönche ausgewählt. Deshalb hat der Abt abends meinen Hals zugedeckt. Er hat alles getan, damit ich mich nicht erkälte."

Das Ständchen vor dem König ist lange her. Seit vierzig Jahren lebt Paul in Saint Tropez. Heute serviert der rüstige Mittsiebziger exotische Küche, lehrt Tai-Chi und massiert verspannte Leute am Strand von Pampelonne. "Der Sommer ist gut für das Geschäft", sagt Paul viel später, als die meisten Gäste schon gegangen sind. "Doch der Winter ist gut für Körper und Geist. Im Sommer rennen wir, im Winter gehen wir. Wir kommen zu uns."

Was Nguyen meint, wird bei einem Bummel durch Saint Tropez sofort klar. Im Sommer herrscht hier Volksfeststimmung. Hunderttausend Tagesbesucher - da rempelt man sich schon einmal gegenseitig ins Hafenbecken. Jeder Platz im Café ist heiß umkämpft. An den Stränden stapeln sich die Badegäste. Und schon weit vor dem Ortseingang staut sich der Verkehr.

Im Winter? Nichts von alldem.

Sobald die letzten Touristen im Oktober verschwunden sind, verwandelt sich die schillernde Vergnügungsmeile an der Côte d' Azur in eine geruhsame Kleinstadt, um nicht zu sagen in ein mediterranes Dorf. Dann packen die ganz normalen Tropeziens ihre Boulekugeln aus. Die Frauen zwingen sich nicht mehr, die Lockenwickler aus dem Haar zu nehmen, bevor sie auf die Straße gehen, um ein Schwätzchen zu halten. Man trinkt geruhsam seinen Pastis. Wie es sich gehört, in französischen Dörfern.

Auf dem Samstagsmarkt auf der Place des Lices geht es entsprechend gelassen zu. Die gestutzten Platanen sind blattlos und ragen kantig in den Himmel. Auf dem Markt wird feilgeboten, was die Weltmeere im Lauf der Jahrhunderte an die Côte gespült haben: bunte Bojen, Kajütenmöbel, ausgestopfte Sturmmöwen, chinesisches Porzellan, Spazierstöcke mit elfenbeinernen Knäufen. Da man ausländische Besucher im Winter aber eher selten sieht, geht der Anteil der Souvenirs deutlich zurück.

Markt mit Lokalkolorit

Dafür bietet der Markt umso mehr Lokalkolorit: Obst, Gemüse, Schweinebauch, Trüffeln, pralle Säcke mit Walnüssen. Unter einem bunten Sonnenschirm stapeln sich Käselaibe. Neben würzig duftenden Wannen mit Oliven aus Nizza drehen sich knackige Knoblauchzöpfe. Gewürze und Wildkräuter aus der Provence füllen die Auslagen. Ratatouille in Einmachgläsern, knusprige Bauernbrote, kräftiger Tresterschnaps.

Am Rand des Treibens liegt das berühmte Café des Arts. Im Winter scheint hier alles noch so zu sein, wie es war, bevor die Massen Saint Tropez entdeckt haben. Die bordeauxrot gepolsterten Sitzbänke sind noch da. Der Beizer stellt saure Gurken und scharf gewürzte Kichererbsen auf den Tresen. Aus den Lautsprechern krächzt Serge Gainsbourg. An den Wänden hängen sepiafarbene Fotografien von legendären Boule-Tournieren.

Männer in Cordhosen und abgewetzten Kappen schnippen ihre Karten auf den Tisch, Jetons wechseln ihre Besitzer, es wird gestritten, beschummelt, gelacht. Gauloises und Stumpen vernebeln die Luft und lassen den Besucher an ein arabisches Teehaus denken.

Die Wege sind kurz in Saint Tropez.

Von der Place des Lices ist es nur ein Katzensprung durch schmale, von sündhaft teuren Boutiquen gesäumte Gassen zum alten Hafen hinunter. Jetzt ist nur ein einziger Künstler da, der die pittoreske Hafenfassade auf die Leinwand bringt. Er trägt einen himmelblauen Schal und zwirbelt seinen eisgrau melierten Backenbart. "Der Winter?", sagt er gelassen. "Wundervoll! Sicher, die Geschäfte gehen schlecht. Aber sehen Sie sich dieses Wetter an!"

Auf einem der Boote nebenan herrscht plötzlich Aufregung. Ein riesiger Tintenfisch streicht unter den Kielen der Yachten hindurch. Zwei Männer mit goldenen Halsketten zerren Harpunen aus einer Ledertasche. "Sehen Sie", ruft der Künstler begeistert: "So ist der Winter in Saint Tropez! Sogar die großen Fische wagen sich in den Hafen." Als sich die Männer mit den Harpunen hinunterbeugen, ist der Tintenfisch allerdings verschwunden.

Die meisten Cafés am malerischen Hafen sind im Winter geschlossen. Freilich nicht das Sénéquier. Der Familienbetrieb ist eine Institution in Saint Tropez, seine rote Markise ein fester Bestandteil der Hafenfassade. Hier tranken schon Picasso, Colette und Sartre ihren Pastis. Und natürlich Brigitte Bardot. Sie ließ sich in den Fünfzigern in Saint Tropez nieder und eröffnete das Feuerwerk der Stars und Sternchen, welches das Fischerdorf seinerzeit in den Olymp der begehrtesten Ferienorte Europas katapultierte.

Doch die Zeiten, da Günther Sachs vom Hubschrauber aus Rosen über das Haus der Bardot regnen ließ, sind längst vorbei. Der Glanz der fünfziger Jahre ist verblichen. Die wirklichen VIPs haben sich ins Grüne verzogen und den Touristenschwärmen die Stadt überlassen. Im Sénéquier sind jetzt nur wenige Tische besetzt. Die Sonnenanbeter schließen die Augen und lehnen den Kopf entspannt zurück. Ihre Nasen sind leicht gerötet. Auf den dreieckigen Tischen steht milchfarbener Ricard.

Nur am Sonntag wird es am Quai Jean Jaurès ein wenig lebendig

Und wenn der Mythos von Sonne, Sex und Geld aufflackert, ist das Sénéquier der ideale Ort, seiner Rolle als Durchschnittsmensch zu frönen. Direkt gegenüber liegen die Luxusyachten. Sie tragen Namen von Südseeinseln. Antennen wogen wie Hochseeangeln im Wind. Getönte Scheiben, verchromte Handläufe, ebenhölzerne Steuerräder. Der englische Lord soupiert mit seiner Lady auf dem Deck des frisch polierten Zweimasters. Ein Kellner in Frack kredenzt den Schampus. Nicht umsonst flohen die Engländer schon im 18. Jahrhundert vor ihrem widrigen Wetter an die Côte und machten sie zum beliebtesten Winterdomizil des British Empire. Wie Nizza und Cannes profitiert auch Saint Tropez vom Schutz der Seealpen und ist deshalb mit einem sehr angenehmen Klima gesegnet.

Am späten Nachmittag zieht es einige Besucher auf die Zitadelle über der Stadt. Auch Marie und Aurelie. Die beiden Lehrerinnen aus Gérardmer in den Vogesen sind über das Wochenende nach Saint Tropez gefahren. Sie haben ein Tischtuch im Gras ausgebreitet, Teller, Besteck, Baguette, Camembert, gekochte Eier, ein Fläschchen Château Berbeyrolles. Unter ihnen liegen die verschachtelten Rundziegeldächer von Saint Tropez, der obstfarbene Turm der barocken Stadtkirche, die sich wiegenden Masten der Segelboote. Es duftet nach verbranntem Eukalyptusholz.

"Zu Hause liegt Schnee", sagt Marie, während ihr Blick den wenigen Yachten folgt, die kleine Schaumschleier über die tiefblaue Bucht ziehen. Die Sonne gießt ihr weiches Licht über die Côte. Und weiter östlich, wo Cannes, Nizza und Monaco liegen, leuchten die Seealpen auf. Ihre Rücken sind weiß, wie mit Puderzucker bestäubt. "Schnee", sagt Marie noch einmal, hebt das Glas und genehmigt sich einen Schluck Rotwein. "Zu Hause liegt Schnee." (Michael Obert, DER STANDARD, rondo/21/11/2003)