Wir dokumentieren seinen bereits seit zwei Tagen in Branchenkreisen kursierenden Brief, leicht gekürzt, als "Kommentar der anderen" im Wortlaut.

An: Verein zur Förderung des österreichischen Filmfestivals Zu Hd. Herrn Tillmann Fuchs

Sehr geehrter Herr Fuchs,
da ich bereits wieder einmal seit einer Woche kein Feedback von der Diagonale-Leitung bekommen habe, sehe ich mich, wie schon so oft, gezwungen, Ihnen meine Haltung und Meinung schriftlich mitzuteilen.

Aus gegebenem Anlass erkläre ich zum wiederholten Male, dass ich keinen österreichischen Film, zu dessen Vorführung der Regisseur und wesentliche Stabsmitglieder ihr Einverständnis verweigern, als Kurator programmieren werde. Die Diagonale ist und bleibt das Festival der österreichischen Filmemacher und für viele von ihnen die einzige Plattform, würdig und angemessen präsentiert zu werden.

Ich denke auch nicht daran, mit bereits vorgeschlagenen trickreichen Schachzügen zu Kopien zu gelangen. Das wäre meiner Meinung nach nämlich echte Gewalt gegen die Kunst mit diktatorischen Maßnahmen, die jedem rechtsstaatlichen Vorgehen Hohn sprechen und das tradierte Wort Kulturnation ad absurdum führen würde.

Ergänzend dazu, können auch keine Specials, Sonderprogramme, Tributes programmiert werden, da auch in diesem Punkt die notwendige und sorgfältige Zusammenarbeit mit den Kreativen verweigert wird. Ein von Ihnen gewünschtes Crash-Programm wird es von mir ebenfalls nicht geben. Ein hauptsächlich aus alten und neuen TV-Programmen bestehendes ebenfalls nicht. Haben doch auch die TV-Film-Regisseure ihre Mitarbeit verweigert.

Die Diagonale darf weder zum ORF-Festival noch zu einem schalen Programmkino mit Bellaria-Touch werden. Das ist absoluter Schwachsinn, schadet dem Festival im In- und Ausland und wäre die endgültige Bankrotterklärung der Leitung. Auch die überwiegende Mehrzahl der österreichischen Filmproduzenten schließt sich dieser Meinung an und jeder vernünftige Mensch muss das verstehen und akzeptieren.

Wir haben all das nicht, was ein Festival des österreichischen Films braucht: Die Kreativen, die herausragenden Filme des nächsten Jahres, keine Avantgarde-, Kurz-und Experimentalfilme, keine Filme der Filmhochschule und der gesamten Next Generation, keine Kinder- und Jugendfilme. Auch die groß angekündigte Projektbörse wird es nicht geben.

Die Diagonale wurde bis dato in der jetzigen Form weder der FIAP (Internationaler Verband für die fotografische Kunst, Anm.) vorgelegt, geschweige denn, von dieser anerkannt. Die Diagonale-Leitung hat es bis dato nicht geschafft, eine tragbare und von allen akzeptierte Plattform zu schaffen. Stabsstellen mit akzeptierten und erfahrenen Festivalprofis zu besetzen. Schon alleine aus diesem Grund kann die Diagonale 04 nicht stattfinden. Seit Monaten predige ich erfolglos, wesentliche Maßnahmen zu ergreifen, transparent zu arbeiten, Überzeugungsarbeit zu leisten und den Kreativen echter Partner zu sein. Auch mit einem negativen Ergebnis zu rechnen, dies zu akzeptieren und daraus die Konsequenzen zu ziehen.

Doch es wurden nur Beziehungen zur Wirtschaft gesucht und die Kreativen als Spinner gesehen. So etwas bekommt sogar ein Blinder mit und dies radikalisierte die Beziehungen bis zur Eskalation.

Die kaufmännische Leitung wurde in Ihrer Person mit einem Mann besetzt, der bis dato nicht die geringste Ahnung von einem Filmfestival hat. Bekanntlich ist ein Kunstbetrieb nur dann erfolgreich, wenn eine derartige Stabsstelle, sofern es einer solchen überhaupt bedarf, von jemanden geleitet wird, der die Bedürfnisse und Zwänge eines solchen Unternehmens von der Pieke auf kennt. Sie Herr Fuchs, haben mir vom Anfang an erklärt, davon keine Ahnung zu haben, denn dafür hätten Sie ja mich.

Das Resultat war und ist, dass Sie monatelang für sinnlose Aktionen Zeit verplemperten, der kaufmännischen Betreuung der väterlichen Stiftung mehr Zeit als der Diagonale widmeten. Ganz wichtig war Ihnen auch das Keilen von Sponsoren, da hier für Sie eine Gewinnbeteiligung lockte. Klar, dass auch das infolge des entstandenen Negativ-Images nicht funktioniert. Auch mein dringender Rat,die Finanzen in die erfahren Hände einer Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin zu legen, wurde nicht befolgt. Schon alleine zum Selbstschutz, fordere ich Sie auf, die notwendige finanzielle Transparenz walten zu lassen.

Offensichtlich hat Sie mein ständiges Warnen derart genervt, dass Sie sich ins totale Wolkenkuckucksheim zurückzogen, auf nichts mehr reagierten, mich und das Team seit Wochen über die wichtigen Vorgänge uninformiert lassen.

Natürlich hat diese Beobachtung bei mir aus anfänglicher skeptischer Loyalität einige Zeit gedauert, umso klarer kann ich die Situation nun erkennen.

Absurd und unerklärlich ist mir auch die Haltung der künstlerischen Leitung in der Person von Miroljub Vuckovic. In fünfeinhalb Monaten konnte ich insgesamt knappe drei Stunden mit ihm sprechen. Seine Österreich-Aufenthalte sind marginal und er wird nur zu Gesprächen mit dem Staatssekretär und Diskussionsrunden eingeflogen, damit der Eindruck entsteht, er wäre ohnehin immer da. Tatsächlich reist er ständig von Festival zu Festival rund um die Welt und kümmert sich um kaum etwas.

Pikant auch die Tatsache, dass das von ihm geleitete Belgrader Filmfestival im Februar stattfindet, gerade dann also, wenn die Diagonale mit Hochdruck arbeiten muss. Glück im Unglück: Er hat noch immer nicht seinen Vertrag unterschrieben, was de facto heißt, dass es formell gar keinen künstlerischen Leiter gibt.

Ich würde nie die Leitung seines Festivals übernehmen, weil ich nicht über die nötige Kompetenz eines derartigen nationalen Unternehmens hätte. Er jedoch vermeint das zu haben, obwohl er kaum ein Wort Deutsch versteht. Bestenfalls könnte ich mir ihn als Kurator der Südostfilme vorstellen. Idealer wäre allerdings ein landesneutraler Kenner dieser Filmszene.

Aus all diesen Gründen fordere ich die Diagonale-Leitung auf, umgehend die verantwortlichen Politiker in Graz und Land Steiermark sowie den Staatssekretär dahingehend zu unterrichten, dass die Diagonale 04 nicht stattfinden kann. Sollte man trotzdem darauf beharren, würde ein unvorstellbarer Image-Schaden entstehen, der allen Beteiligten auf den Kopf fällt.

Um die Kontinuität des Festivals in Graz zu erhalten, soll die Gegendiagonale auch mit der zweiten Tranche von 100.000 Euro unterstützt werden. Parallel dazu muss die Diagonale neu unter Miteinbeziehung der Branche neu ausgeschrieben werden. Nennungsfrist Februar 2004, bis dahin wird ein interimistischer Leiter bestellt, der nach Reduzierung der laufenden Kosten logistisch und finanziell mit der Gegendiagonale kooperiert und auch am Programm mitarbeitet.

Hand in Hand mit diesem Procedere soll man, um mehr Zeit für die nötigen Konsultationen und der Einbeziehung der Verbände zu gewinnen, die Neubestellung des ÖFI nicht über das Knie brechen und Direktor Schedl bitten, ein Jahr noch zur Verfügung zu stehen. Eine Forderung, die für mich noch viel wichtiger als das gesamte Festival des Österreichischen Films ist.

Wolfgang Ainberger
Filmkurator

(DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2003)