In einem Raum der Sammlung Guggenheim im venezianischen Palazzo Venier steht eine Skulptur von Alberto Giacometti, Femme égorgée, auf einer nierenförmigen Tischablage, die sich aufgerichtet auch als Schaukelstuhl eignet - wie man unmittelbar daneben ausprobieren kann.

Über der Skulptur an der Wand hängt ein Foto von derselben Skulptur mit dem gleichen Stuhl/Tisch, aber in einer anderen Umgebung: in einer Galerie mit Kunst der klassischen Moderne und mit auffallenden Einrichtungselementen, so als ob das Interieur mit den Objekten mitschwingen, sie ergänzen würde. Das Bild, klärt die Tafel auf, stammt von der bekannten New Yorker Fotografin Berenice Abbott und ist aus dem Jahr 1942.

Vexierspiel, Verdoppelung, Zeitsprung? Ja, aber mit einer vernünftigen Erklärung, zu deren Verständnis man nur die Verbindungen zwischen der damaligen Galeristin und späteren Palazzobewohnerin, dem Innenarchitekten und seinen österreichischen Wurzeln und den heutigen Hütern seines Erbes kennen muss. Dazu wiederum gibt es in einer kleinen, feinen Schau eben in Venedig Gelegenheit - bis zum kommenden Sommer.

Fortsetzung auf Seite A 2 unten

Vexierspiel in Venedig

Fortsetzung von Seite A 1 rechts
Immer der Reihe nach: 1942 schrieb die Kunstmäzenin Peggy Guggenheim einen kurzen Brief: "Dear Mr. Kiesler, ich brauche Ihre Hilfe. Können Sie mich beim Umbau von zwei Schneidereien in eine Kunstgalerie beraten?" Friedrich Kiesler war damals kein Unbekannter mehr. 1890 in Czernowitz geboren, hatte er in den frühen Zwanzigern bei der Berliner Avantgarde mitgearbeitet und mit Entwürfen für die Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik in Wien 1924 Aufsehen erregt, bevor er 1926 nach Amerika ging und sich auch dort als Architekt und Designer einen Namen machte. Seit 1937 war er Architekturprofessor an der Columbia University.

Bei dem neuen Auftrag handelte es sich um einen Präsentierteller für die außergewöhnliche Sammlung zeitgenössischer europäischer Kunst, die die Millionärin Guggenheim, beraten unter anderem von Marcel Duchamp, sammelte. Max Ernst, Giorgio de Chirico, Hans Richter und viele andere stellte sie dem amerikanischen Publikum vor und beeinflusste damit eine heranwachsende amerikanische Künstlergeneration, darunter Jackson Pollock, Mark Rothko und Robert Motherwell.

Auch "Frederic" Kiesler wurde durch die Sammlung in seiner Arbeit beeinflusst. Sein Entwurf für die Räume im 7. Stock von 30 West 57. Straße folgte der Theorie, dass Kunst und Umgebung zu einer Einheit verschmelzen sollen, und entsprach der dynamischen Ausrichtung der ausgestellten Werke. Alle Teile bis hin zur Beleuchtung waren mobil und abmontierbar; anstelle von Wänden bestimmten, wie schon in Wien 1924, freie Aufhängungs- und Aufstellungsformen die Platzierung der Bilder. Der surrealistische Teil der Eröffnungsausstellung in der "Art Of This Century"-Galerie fand in gekrümmten Wänden statt, ein weiterer Teil enthielt Paternoster-artige Geräte zum kontinuierlichen Betrachten vorbeiziehender Objekte. Gegen Ermüdung, aber auch als zusätzliches Podest gab es zwei von ihm entworfene Sitzmöbel, unter ihnen den eingangs erwähnten Schaukelstuhl.

Die Entstehungsgeschichte, die ersten Entwürfe, der weitere Verlauf, die Details der Ausführung bis hin zum Schriftverkehr mit Lieferanten, schließlich die triumphale Eröffnungsschau ("Isms Rampant: Peggy Guggenheim's Dream World Goes Abstract", Newsweek) und die weiteren Ausstellungen mitsamt vielfältigen Verzweigungen: Das alles ist in der dichten, übersichtlichen und ihrerseits innovativen Ausstellung im venezianischen Guggenheim zu sehen, unter dem beziehungsreichen Titel "Peggy and Kiesler: the Collector and the Visionary". Auch hier bestimmen nicht die Quadratmeter der Wände die "Effizienz" der Schau, vielmehr sind die Objekte in Reihen von aufrechten Schiebetafeln, zehn tief, enthalten, die auf Schienen verschoben werden können (wobei dem Berichterstatter auffiel, dass diese Möglichkeit zu einer längeren und genaueren Beschäftigung mit den Inhalten verlockte).

Den Kuratoren - Dieter Bogner vom Vorstand der Wiener Friedrich-und-Lillian-Kiesler-Privatstiftung und Susan Davidson vom New Yorker Guggenheim-Museum - ging es darum, "den Geist des radikalen Kieslerschen Ausstellungsdesigns nachvollziehbar zu machen". Letztes Jahr präsentierten sie die Arbeit in Frankfurt/ Main, nun kam sie sozusagen in ihre geistige Umgebung zurück: Bei der Eröffnung in Venedig im Oktober konnte man die hierher übersiedelte Sammlung von Peggy (im relativ konventionellen Rahmen des Palazzo) mit den Dokumenten der Schau vor über 60 Jahren vergleichen. Sogar in den gleichen Sitzgelegenheiten können die Besucher ausruhen: Wittmann baut die Kieslerschen Entwürfe originalgetreu nach.

Die Eröffnung war ein doppelter Erfolg, zugleich wurde nämlich die Erweiterung der Collezione Guggenheim um einen neuen Ausstellungsraum und Eingang, einen Behindertenzugang und einen Museumsshop gefeiert. All'italiana, d.h. die Honoratioren und Studenten aus Venedig, die Sponsoren aus verschiedenen Ländern, die Guggenheimer aus New York und tout Vienne mussten sich nicht auf ein paar Gläschen Weißwein beschränken, sondern wurden mit besten Speisen und Getränken bewirtet.

Besonderen Grund zum Feiern hatte der 86-jährige surrealistische Künstler Charles Seliger, der aus den USA angereist kam. Er hatte bereits als 19-Jähriger eine Einzelausstellung gehabt: in Peggys "Art Of This Century"-Galerie . . . []

Peggy and Kiesler. In der Peggy Guggenheim Collection. Dorsoduro 701, I-30123 Venedig. Noch bis 1. August 2004. info@guggenheim-venice.it

Die Friedrich-und-Lillian-Kiesler-Privatstiftung (Leitung: Monika Pessler, Krugerstraße 17, 1010 Wien) verfügt über mehr als 3000 Objekte und 1000 Fotos von Kieslers Projekten, fördert Forschung zu seiner Arbeit und wählt alle zwei Jahre den Empfänger des nach ihm benannten Architekturpreises aus (zuletzt Cedric Price, GB, 2002). www.kiesler.org

www.wittmann.at