Die Entführung einer 17-jährigen, in der Türkei geborenen Oberösterreicherin könnte bald vorbei sein. Im deutsch-französischen Grenzgebiet wurden zwei der vier mutmaßlichen Kidnapper verhaftet. Auch den beiden 23-jährigen Männern, die den Teenager bei sich haben sollen, ist die Exekutive auf der Spur.

Wie berichtet, ist das Mädchen in der Nacht zum Freitag gegen ihren Willen aus der elterlichen Wohnung in Bad Ischl verschleppt worden. "Entgegen den ersten Aussagen ist doch vor etwa zehn Jahren eine Vereinbarung bezüglich Heirat mit einem der Verdächtigen getroffen worden", erklärte der oberösterreichische Sicherheitsdirektor Alois Lißl am Montag.

Eheversprechen

Dieses Eheversprechen hat die Verdächtigen Montag vor einer Woche ins Salzkammergut getrieben. Der Vater des Mädchens verweigerte allerdings hartnäckig seine Zustimmung. Ob die 17-Jährige in den Tagen bis zu ihrer Entführung Kontakt mit den vier Männern hatte, ist noch unklar. Sicher ist laut Lißl nur, dass das Mädchen nicht freiwillig mitkam.

Bei der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie kennt man die Problematik der arrangierten und der Zwangsehen. "Konkrete Zahlen gibt es aber nicht. Migrantinnen und ihre Probleme waren in der Öffentlichkeit bisher kein großes Thema. Wir haben daher vor einem halben Jahr einen Arbeitskreis zu diesem Komplex eingerichtet", schildert Tama Citak, eine Mitarbeiterin dieser Opferschutzstelle.

Aus ihrer Sicht ist die Gesetzeslage gerade bei Minderjährigen ein Problem: "Die Jugendbehörde ist verpflichtet, den Eltern den Aufenthaltsort mitzuteilen. Dadurch trauen sich die Mädchen dann nicht, sich ans Jugendamt zu wenden, weil sie ohnehin aufgespürt werden", kritisiert sie.

Schwierige Situation

Im städtischen "Krisenzentrum Nußdorf", wo Mädchen und junge Frauen unterkommen können, schildert man das Prozedere. "Es sind eher jüngere Mädchen, die zu uns kommen, weil sie verheiratet werden sollen", meint die Leiterin Maria Olivier. "Wenn wir einen Fall haben, tauschen wir uns mit der zuständigen Sozialarbeiterin aus, die dann die Familie kontaktiert. Dann laden wir die Eltern zu einem Gespräch ein."

"Der Löwenanteil der jungen Damen kehrt dann zu den Familien zurück. Da ist oft auch enormer Druck im Spiel, es wird die völlige Trennung von der Familie angedroht." Manchmal seien die Eltern aber auch einsichtig und lassen von der Zwangsheirat ab.

Die Situation der Teenager sei schwierig: "Die sind schwer überfordert. Einerseits haben sie Umgang mit Gleichaltrigen, die bei uns als Jugendliche gelten, während eine 16-Jährige in ihrem Kulturkreis schon eine heiratsfähige Frau ist. Dazu kommen normale pubertäre Probleme", skizziert Olivier. (Michel Möseneder, DER STANDARD; Printausgabe, 25.11.2003)