"Wir sind hier aus Trauer um die Toten und um unser Mitgefühl auszudrücken. Wir sind aber auch hier, um Demokratie und Freiheit zu verteidigen, sowohl gegen islamische Fundamentalisten wie gegen die selbst ernannten Terrorbekämpfer aus Washington."

Der Sprecher des Gewerkschaftsbündnisses, das nach den blutigen Attentaten auf Synagogen und das britische Konsulat in Istanbul am Samstag zu landesweiten Demonstrationen gegen den Terror aufgerufen hat, macht keinen Hehl aus seiner Ablehnung des US-Krieges im Irak. Gut 5000 Menschen hatten sich zu einem Sternmarsch zum Taksim-Platz unweit des zerstörten Britischen Konsulats eingefunden. Auch in Ankara und Izmir fanden Trauerzüge statt. Die Menge war bunt gemischt: Von Parlamentsabgeordneten über Gewerkschafter bis hin zur Kommunistischen Partei, die sich besonders laut mit der Verurteilung der USA hervortat, war alles vertreten - bis auf die Religiösen. Weit und breit war kein Kopftuch zu sehen, ein Indiz, wie verunsichert die Islamisten über die Terroranschläge sind.

Kein echter Muslim könne so etwas getan haben, wird immer wieder betont. Die islamische Tageszeitung Vakit versucht verzweifelt, die Verantwortung auf CIA und Mossad abzuschieben, die hinter den Attentaten stecken sollen. Indes hat Premier Recep Erdogan bekannt gegeben, dass auch die Selbstmordattentäter von Donnerstag Türken waren. Die Anzahl der Toten bei den insgesamt vier Attentaten ist in der letzten Woche inzwischen auf 57 gestiegen.

Der Istanbuler Polizeipräsident Celalettin Cerrah machte indes seinem Frust über die Kritik an der Arbeit der Polizei Luft. "Diese Toten", behauptete er, "würden nicht hier liegen, wenn die Presse mehr Verantwortung gezeigt hätte." Cerrah warf den Zeitungen vor, durch die frühzeitige Veröffentlichung der Namen der Synagogen-Attentäter und ihrer mutmaßlichen Komplizen die Täter der weiteren Anschläge gewarnt zu haben.

Die Selbstmordattentäter vom Donnerstag kommen aus dem gleichen Umfeld wie die vom vorletzten Samstag. Alle sind Mitglieder extremer fundamentalistischer Gruppen aus der Südosttürkei. Während des Treffens des Nationalen Sicherheitsrates Ende letzter Woche präsentierte der Geheimdienst Erkenntnisse über die Auslandskontakte der Täter. Sie sollen in Afghanistan, Pakistan und Tschetschenien gewesen sein. Bis jetzt hat die Polizei 18 Personen festgenommen, denen Beihilfe vorgeworfen wird. Am heutigen Montag soll der deutsche Außenminister Fischer für einen Kurzbesuch nach Ankara kommen und dort seinen Kollegen Abdullah Gül treffen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2003)