Linz/Wien - "Es gab keine Vereinbarung bezüglich einer Hochzeit. Die Verdächtigen haben das Mädchen offenbar nur als Kind in der Türkei gekannt und wollten jetzt eine Ehe erzwingen", schildert der oberösterreichische Sicherheitsdirektor Alois Lißl die Hintergründe der Entführung einer 17-Jährigen in Bad Ischl. Von dem Teenager und seinen Kidnappern fehlte vorerst jede Spur.

Wie am Wochenende bekannt wurde, hatte sich der Vorfall in der Nacht zum Freitag abgespielt, das Drama nahm aber schon am Montag vor einer Woche seinen Anfang. Vier in der Türkei geborene Männer, von denen drei in Frankreich und einer in Deutschland leben, waren in der Wohnung der Familie Ö. aufgetaucht. Ziel der stundenlangen Unterredungen: Der Vater solle zustimmen, seine 17 Jahre alte Tochter Sevim mit einem der Männer, die wie Familie Ö. alle aus demselben Ort stammen, zu verheiraten.

Der Vater weigerte sich. Offenbar gaben sich die zwischen 23 und 36 Jahre alten Verdächtigen damit aber nicht zufrieden. Gegen 3 Uhr früh ließ nach dem bisherigen Ermittlungsstand die 17-Jährige am Freitag die vier Männer in die Wohnung. Dort wurde sie dann überwältigt und verschleppt, vermutet Lißl. "Sie nahm keinen Pass, kein Geld und keine Kleidung mit. Wir gehen daher von einer Entführung aus."

Die Täter könnten die junge Frau nach Deutschland oder Frankreich gebracht haben, glauben die Ermittler. Eine europaweite Fahndung nach den Verdächtigen und ihrem Fahrzeug, einem schwarzen BMW mit französischem Kennzeichen, brachte bis Sonntagnachmittag allerdings keinen Erfolg.

Zwangsheirat

Bei dem aktuellen Fall dürfte es sich zwar um eine Entführung handeln, dennoch rückt damit die Problematik der Zwangsheirat in den Mittelpunkt. Immer wieder kommt es auch in Österreich vor, dass Frauen, deren Ehemann von der Familie bestimmt wurde, Schutz suchen, bestätigt die Mitarbeiterin eines Wiener Frauenhauses.

"Wenn keine Gewalt im Spiel ist, können wir den Betroffenen nur den Schutz vor der Familie anbieten, rechtlich gesehen gibt es keine Handhabe gegen Zwangsehen", erläutert die Mitarbeiterin.

Konkrete Daten über Zwangsehen gibt es kaum, die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" geht alleine für Deutschland von mehreren Tausend Fällen jährlich aus. In Großbritannien, wo es immer wieder zu Gewalttaten gegen geflüchtete Frauen kommt, gibt es mittlerweile eigene Schutzprogramme, bei denen die Betroffenen, mit einer neuen Identität ausgestattet, zu neuen Wohnorten gebracht werden. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 24.11.2003)