Horst Pirker lässt im Kompetenzzentrum Evolaris neue Medienentwicklungen erforschen. Mit diesen Erkenntnissen im Gepäck prophezeit der Styria-Boss den Printmedien eine glänzende Zukunft - mit neuen Formen von Tageszeitungen, wie er gegenüber Walter Müller betont.

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STANDARD: Die Styria engagiert sich schon seit Jahren in der Grazer IT-Forschungseinrichtung Evolaris. Welchen konkreten Nutzen kann ein Medienhaus daraus ziehen?

Pirker: Es ist ein mehrfacher Nutzen. Einerseits ist die technische Innovation vermutlich der zentrale Treiber für Medienunternehmen. Der größte Innovationsschub kommt aus dieser Ecke. Der zweite Aspekt ist, dass wir sozusagen über eine institutionalisierte Brücke zu den Universitäten, national und international, verfügen. Ein eklatanter Vorteil. Und schließlich sind wir nicht alleine bei Evolaris dabei, sondern auch eine Reihe von anderen Leitunternehmen. Da kommt es zu Interaktionen und synergetischen Reaktionen.

STANDARD: Was wirft diese Partnerschaft konkret ab?

Pirker: Ganz besonders wichtig ist hier der Bereich der Onlinedienste. Da sind wir ja noch immer in einer Phase des Trial and Error. Hier können wir gezielte Forschungsaufträge vergeben. Es funktioniert mit Evolaris eklatant leichter, als wenn wir als Privatunternehmen versuchen, uns international einen Überblick zu verschaffen.

STANDARD: Technologische Innovation im Printbereich heißt natürlich Internet. Wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Entwicklungsstand der Internetpräsenz der Printmedien?

Pirker: Die einzelnen Unternehmen haben inzwischen schon gelernt, mit dem Internet umzugehen. Die Internetdienste der Printmedien verlassen nun auch alle synchron die Verlustzone. Wenn nicht heuer, dann spätestens nächstes Jahr. Das wird die Unternehmen nicht weiter belasten. Die Durststrecke, kann man sagen, ist vorbei.

STANDARD: Es heißt, dass bis zum Jahr 2010 nur noch neun Prozent der 20- bis 29-jährigen Amerikaner täglich Zeitung lesen werden. Vor diesem Hintergrund müsste der Auftritt der Printmedien im Internet ja eigentlich noch weiter an Bedeutung gewinnen?

Pirker: Ich bestreite vehement, dass es ein gottgegebenes Gesetz ist, dass junge Menschen keine Printmedien mehr lesen werden. Ich glaube, besonders die Tageszeitungen werden die Herausforderungen sehr gut annehmen können. Ein wirklich schönes Beispiel ist, was sich jetzt momentan in der Schweiz abspielt:

Die 20-Minuten-Gratistageszeitung kann ganz neue, junge Bevölkerungsschichten zum Lesen vorbereiten. Es ist wie eine positive Einstiegsdroge in das Lesen. Wir werden es alle noch miterleben, wie dieser neue Typus von Tageszeitung ganze Generationen junger Leute auf weit bessere, qualitativ hochwertigere Produkte vorbereiten wird. 20-Minuten-Leser von heute werden ganz sicher die Leser der Neuen Zürcher Zeitung von morgen sein.

STANDARD: Apropos Einstiegsdroge: Es wird - Ihrer Theorie nach - wohl auch umgekehrt funktionieren, dass der Konsum der Internetzeitung sozusagen "süchtig" auf die Printversion machen kann.

Pirker: Ja, ich glaube beides. Wichtig ist einfach, dass die Kulturtechnik des Lesens nicht unter die Räder kommt. Dafür ist Online sowieso schon eine Hilfe, weil die jungen Leute dort relativ viel lesen müssen. Es erfordert nicht unerhebliche Lesefähigkeiten, oft mehrsprachige. Die Kulturtechnik des Lesens wird hier aufgeladen zulasten des relativ dummen Fernsehens. Fernsehen erfordert keine Lesefähigkeit. Im Printbereich, mit diesen schnell konsumierbaren Zeitungen wird das ganze auch noch haptisch unterlegt. Deshalb bin ich wahnsinnig optimistisch, was die Zukunft der Zeitungen insgesamt betrifft, weil es sind ganz neue Formen und ganz neue Energien dazugekommen. Und irgendwie ist letztlich auch die Kronen Zeitung eine Hilfe für anspruchsvollere Zeitungen, Leser zu finden. Weil die Kulturtechnik des Lesens einmal ordentlich erlernt wird, und irgendwann einmal ist einem das zu wenig. Und man landet beim STANDARD oder der Presse. Irgendwann sind sie dann reif für Qualitätszeitungen

STANDARD: Wo sehen Sie die Medienwelt übermorgen. Ihre Vision?

Pirker: Da habe ich ganz klare Vorstellungen. Die Werkzeuge werden zusammenwachsen. Mobiltelefone, Kameras, Musikabspielgeräte, Fernsehen: Alle Geräte wachsen zusammen. Die Nutzungsumgebung wird das Bestimmende sein. Im öffentlichen Raum, auf der Straße habe ich die größten Geräte stehen, die nächstkleineren stehen im Wohnzimmer, eine dritte Generation wieder im Homeoffice oder Büro in Laptopgröße. Ein noch kleineres Gerät führe ich mit mir herum und ein noch kleineres in Form einer Uhr, die auch alles kann.

STANDARD: Das heißt: Medienhäuser müssen alle diese Dimensionen bespielen können?

Pirker: Ja, wir müssen alle Plattformen bespielen können. Als Informationsengine wird das Printmedium als Flugzeugträger bestehen bleiben. Daneben gibt es aber eine Reihe von Innovationen, bis zum Sprachsynthesizer, der die Zeitung im Auto vorliest. (DER STANDARD; Printausgabe, 24.11.2003)