Bei der schwersten Zugkatastrophe seit Jahrzehnten in Deutschland
sterben in Eschede bei Celle (Niedersachsen) 100 Menschen.
Der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" entgleist bei Tempo 200 und prallt gegen eine Brücke.
Als Unglücksursache wird ein gebrochener Radreifen angenommen.
Die Deutsche Bahn ruft alle älteren ICE-Züge in die Werkstatt zurück.
Eschede - Eine kleine Stadt hält Totenwache. Im niedersächsischen Heideort Eschede bei Celle finden viele Menschen keinen Schlaf. Vor wenigen Stunden war die 6000-Einwohner-Gemeinde Schauplatz des schwersten Zugunglücks in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland mit vermutlich mehr als 100 Toten. "Da waren Bilder, die werde ich mein Lebtag nicht vergessen", sagt Birgit Lehmann. Die 24jährige erzählt von dem Kind mit abgerissenem Arm, das ein Feuerwehrmann am Mittwoch nachmittag geborgen hatte. Die Mutter überlebte das Unglück: "Als sie ihr totes Kind gesehen hat, ist sie einfach völlig ausgeflippt", berichtet Birgit Lehmann atemlos wohl zum hundertsten Mal an diesem Tag. Kurz vor Mitternacht steht die junge Frau mit Verwandten am Straßenrand, etwa 300 Meter von der Unglücksstelle entfernt. Der gelernte Maschinenbauer Wilfried Lehmann (40) und seine Frau Elke (36) gehören zu den unzähligen freiwilligen Helfern, die in dieser langen Nacht kein Auge zumachen. Die Hilfsbereitschaft der Menschen in Eschede ist riesig. Andrew Gimson (40) ist Deutschland-Korrespondent des Londoner "Daily Telegraph" und einer von mehreren hundert Journalisten aus der ganzen Welt, die vor Ort über das Geschehen berichten. Kurz vor 1 Uhr beobachtet er die Bergungsarbeiten, die nur langsam vorangehen. "Man bewundert die technischen Leistungen der Deutschen. Es ist viel überraschender, wenn es hier ein Riesenunglück gibt, als wenn das in Indien passiert wäre", sagt der britische Journalist. Markus Müller (30) kümmert sich um die Angehörigen der Opfer und Überlebenden. Für sie ist ein Treffpunkt in einer Turnhalle im Ort eingerichtet worden. "Soviel sind bisher nicht gekommen, vielleicht zehn oder zwanzig", erzählt der Pfarrvikar. Die Menschen hinterlassen Fotos und Beschreibungen ihrer vermißten Angehörigen. Wenn sie Glück haben, finden sie ihre Namen auch auf der Liste der Überlebenden. Lang ist sie nicht. Die Toten werden in die Medizinische Hochschule nach Hannover gebracht. Dort soll am Donnerstag mit der Identifizierung der oft bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Menschen begonnen werden. In der mobilen Einsatzzentrale auf dem Parkplatz des Supermarktes hält gegen 4 Uhr Hans-Hermann Schmitz die Stellung. Er koordiniert, leitet an, kümmert sich um tausend Dinge gleichzeitig. Über die Unglücksursache gibt es immer noch keine gesicherten Erkenntnisse. Die Hundestaffeln haben unterdessen ihre Suche nach Opfern eingestellt. "Wir haben niemanden mehr finden können", erzählt Hundeführer Matthias Geddert (35). Viel Hoffnung, aus den Trümmern noch Überlebende zu bergen, gibt es am Donnerstag morgen nicht mehr. (4. Juni 1998, Sigrun Stock, dpa)