Wien - Die heimischen Filmschaffenden sind unzufrieden mit den Aktivitäten des ORF für die österreichische Filmwirtschaft. In einem offenen Brief forderten der Verband österreichischer Filmproduzenten, der Verband der Filmregisseure Österreichs sowie der Dachverband der Filmschaffenden (DVF) am Montag deutlich höhere Investitionen in die Filmbranche sowie mehr Transparenz. Dies sei gerade im Lichte der Gebührenerhöhung, die mit Anfang 2004 in Kraft tritt, notwendig.

Der ORF hat am Donnerstag diese Kritik zurückgewiesen. Die Filmschaffenden würden "wider besseren Wissens in spekulativer Weise Halbwahrheiten und Falschaussagen" verbreiten. Am Freitag sei ein "lange geplantes" Gespräch von Vertretern der Verbände und der ORF-Geschäftsführung angesetzt, nun werde offenbar versucht, "das konstruktive Gesprächsklima zu unterlaufen" - so zumindest die ORF-Sicht.

Nachfolgend die Sichtweisen beider Seiten:

Keine offiziellen Zahlen verfügbar

Konkret kritisieren die Verbände in ihrer Aussendung, dass keine aktuellen offiziellen Zahlen für das jährliche Produktionsvolumen vorliegen, das der ORF in die österreichische Filmbranche investiere, erläuterte Maria Anna Kollmann vom Dachverband der Filmschaffenden auf Nachfrage. Dieses habe, so Kollmann, in den vergangenen Jahren mindestens 70 Mio. Euro betragen, und zwar zusätzlich zu den 4,3 Mio. Euro aus dem Film-Fernsehabkommen.

In einem Interview mit der Fernsehillustrierten "tv-media" im Februar 2003 hatte ORF-Programmdirektor Reinhard Scolik erklärt, dass das "Vergabevolumen für die österreichische Filmwirtschaft mit 71 Millionen Euro gleich geblieben" sei. Stimmt nicht, sagen die Filmschaffenden: Der ORF habe heuer "maximal 50 Prozent" dieses Betrages investiert.

Faire Bedingungen gefordert

Im Sinne der Transparenz will die Filmbranche auch über die Vergabevolumina schriftlich informiert werden, wie es in den vergangenen Jahren auch der Fall gewesen sei. Unter "fairen transparenten Wettbewerbsbedingungen" sollen auch jene zehn Mio. Euro, die aus den zusätzlichen Mitteln der Gebührenerhöhung für das Film-Auftragsvolumen "reserviert" sind, vergeben werden, hieß es.

Außerdem wünscht man sich, das Film-Fernsehabkommen zu valorisieren "und auf mindestens 8,6 Mio. Euro anzuheben". Eine Anpassung sei zuletzt 1994 vorgenommen worden, seither habe es bis vor zwei Jahren "nur hin und wieder Zusatzmittel" gegeben.

Die Filmschaffenden verwiesen abschließend darauf, dass die österreichischen Filme, Serien und Dokumentationen den ORF von den deutschen Privatsendern unterscheidbar machten. Die "österreichischen Programme machen die höchsten Quoten", wurde betont. "Wenn nicht produziert wird, fallen die Quoten."

Die Entgegnungen seitens des ORF

ORF-Programmdirektor Reinhard Scolik widersprach am Donnerstag den genannten Zahlen und Foredwerungen: "Die genannten Investitionsvolumina von 35 Millionen Euro widersprechen jeder Realität. Der ORF hat mit Stichtag 26. November 2003 vertraglich bereits ein Volumen von rund 72,9 Millionen Euro im Jahr 2003 investiert. Gegenüber der Prognose zu Jahresbeginn stellt das eine Erhöhung von 10 Millionen Euro dar."

Für 2004 sei eine Erhöhung des ÖFI-Volumens um 1,6 Millionen Euro fixiert, hieß es weiter. Außerdem habe der ORF neben dem reinen Volumen für Film-/Fernsehproduktionen im Zeitraum 1999 bis 2003 zusätzlich einen Betrag von rund 9,6 Millionen Euro aus Programmgeld in geförderte Fernsehfilme (ÖFI und WFF, nunmehr Filmfonds Wien) investiert. "De facto erhöhte sich somit das Volumen für geförderte Fernsehfilme um rund zwei Millionen Euro pro Jahr", wurde betont.

Informationen und Transparenz

Auch der Vorwurf fehlender Informationen und mangelnder Transparenz über das Vergabevolumen wies der ORF zurück. "Der ORF legt seit Jahren das gesamte Vergabevolumen gegenüber den Produzenten und dem Filminstitut offen. Dies kann aber, wie in der Vergangenheit auch, erst nach Abschluss des jeweiligen Geschäftsjahres erfolgen."

Auch Alexander Wrabetz, Kaufmännischer Direktor des ORF, bekräftigte, "dass der ORF 2003 sein Vergabevolumen an österreichische Produzenten erhöht und damit verstärkt in die heimische Filmwirtschaft investiert hat, obwohl in diesem Jahr in vielen anderen Bereichen des ORF ein deutlicher Sparkurs gefahren werden musste und die Gebührenanpassung erst 2004 erfolgt".

Laut ORF stimmen auch nicht alle Vertreter der Produktionswirtschaft der Kritik zu. Laut Aussendung "verärgert" sei etwa Michael Wolkenstein, Vorsitzender des Fachverbands der Audiovisionsindustrie, der es als "unnötig" bezeichnete, diese Themen in einer Aussendung anzuschneiden. Kurt Mrkwicka, Vorstandsmitglied des Produzentenverbandes, meinte laut Aussendung, das Gesprächsklima werde "vergiftet". "Ich hätte mir eine Abstimmung mit dem Vorstand erwartet", wird er zitiert. (APA)