Sarajewo - Die bosnische Opferorganisation "Frauen von Srebrenica" hat Klagen gegen die Vereinten Nationen sowie die holländische Regierung eingereicht. Die Schadensersatzforderungen der Angehörigen von mehr als 7.000 Männern und Jungen belaufen sich auf eine Milliarde US-Dollar. Nach internationalen Angaben wurden bei der Eroberung der UNO-Schutzzone Srebrenica durch bosnisch-serbische Truppen im Juli 1995 zwischen 7.000 und 8.000 Moslems ermordet. Die Angehörigen der Opfer werfen der UNO und Den Haag Nichteingreifen beim Fall Srebrenicas vor, das 1993 vom UNO-Sicherheitsrat in New York zur Schutzzone erklärt worden war.

Ein in Sarajewo ansässiger Anwalt der Frauenorganisation erklärte, dass die Klageschrift gegen die Vereinten Nationen an ein US-amerikanisches Gericht ausgehändigt worden sei, während das Verfahren gegen die Regierung in Den Haag von einem niederländischen Gericht übernommen werden soll. Beim Einmarsch bosnisch-serbischer Truppen des vorm UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagten Generals Ratko Mladic waren rund 500 niederländische Blauhelmsoldaten im Hauptquartier der UNO-Schutzzone am Stadtrand von Srebrenica stationiert gewesen. Doch statt die Trennung der ins Lager geflüchteten Männer und Frauen durch die bosnisch-serbischen Truppen zu verhindern, hätten sich die Niederländer kampflos zurück gezogen.

Eine historische Untersuchung des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD) hatte im vorigen Jahr zum Rücktritt der Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Wim Kok geführt, der eine Mitschuld seiner Soldaten am Fall von Srebrenica einräumte. Die alleinige Verantwortung für das Versagen der Vereinten Nationen in der 1993 ausgerufenen Schutzzone wies er jedoch zurück. Auch ein Bericht von UNO-Generalsekretär Koffi Annan sowie eine Studie des französischen Parlaments hatten schon zuvor ein Scheitern des UNO-Schutzzonenkonzepts konstatiert.

Liesbeth Zegfeld, die die "Frauen von Srebrenica" in Den Haag rechtlich vertritt, bezeichnete den Beginn des Prozesses als "notwendigen Schritt, nach Abschluss der politischen und historischen Untersuchungen endlich auf die rechtlichen Fragen beim Fall der Enklave zu sprechen kommen". Der US-amerikanische Jura-Professor Francis Boyle, der die Opfer in den USA vertreten wird, hatte bereits zuvor erfolglos versucht, den niederländischen Oberkommandierenden in Srebrenica, Tom Karremans, vor dem UNO-Tribunal in Den Haag für das Massaker verantwortlich zu machen. Mit einem Beginn der Prozesse wird nicht vor Frühjahr 2004 gerechnet. (APA)