Am 7. August 2003 wurde Viorel im Jugendtrakt des Wiener Landesgerichtlichen Gefangenenhauses in eine andere Zelle verlegt. Im ursprünglichen Haftraum hatte ein afrikanischer Jugendlicher den 14-jährigen Buben "angetapserlt", wie er jenen drei älteren Burschen erzählte, mit denen er sich nun die Zelle zu teilen hatte. Nur wenige Stunden später wurde Viorel von allen drei Mithäftlingen, die wie er aus Rumänien stammen, vergewaltigt. Das wurde jedenfalls dem 16-jährigen Gheorghiu und den jeweils 15 Jahre alten Julian und Ion heute, Donnerstag, im Wiener Landesgericht vorgeworfen.

Schläge und Tritte

Die Angeklagten bekannten sich zwar schuldig, meinten das aber nicht im strafrechtlichen Sinn. Viorel habe freiwillig mitgemacht, sei mit allem einverstanden gewesen, erklärten sie dem Schöffensenat (Vorsitz: Norbert Gerstberger). Schuldig fühlten sie sich nur deshalb, "weil es Sex mit einem Burschen war. So etwas ist verboten."

Laut Anklage ging die Initiative vom Ältesten aus, der sich im Waschbereich dem Jüngsten genähert und diesen aufgefordert haben soll, sich auszuziehen. Als sich Viorel weigerte, soll er Schläge und Tritte kassiert haben, mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen worden sein. Was Gheorgiu in Abrede stellte: "Ich habe gelaubt, dass er das gerne macht. Er hat nicht gesagt, dass er das nicht will."

"Wenn man ein Mal im Gefängnis ist, ist man kein Kind mehr"

Nachdem das vorbei war, hatten noch die beiden anderen Sex mit dem 14-Jährigen. Angeblich wurden sie vom Ältesten mehr oder weniger dazu aufgefordert. Ion will Angst gehabt haben, ausgelacht zu werden, hätte er sich geweigert. "Daher habe ich es zugelassen", erklärte er dem Gericht.

Julian wiederum meinte, sein jüngerer Landsmann hätte keine Einwände gegen den mehrfachen Oral- und Analverkehr gehabt: "Man hat ihm angesehen, dass er einverstanden war. Er hat gelacht. Er hat nicht geweint. Wäre er nicht einverstanden gewesen, hätte er läuten können."

"Er schaut aus wie ein neunjähriger Bub! War das egal?", brachte darauf hin der Richter das Äußere des 14-Jährigen zur Sprache. "Ich weiß, er ist so alt wie ich. Wenn man ein Mal im Gefängnis ist, ist man kein Kind mehr", sagte Julian.

Diebstahl einer Zahnbürste

Sämtliche Beteiligte saßen wegen Diebstahls bzw. Raubes in U-Haft und hatten einander erst im Gefängnis kennen gelernt. Viorel war trotz seines extrem kindlichen Aussehens in Haft genommen worden, weil man ihn nach dem Diebstahl einer Zahnbürste, von Parfüm und Alkohol verdächtigte, sich damit eine so genannte fort laufende Einnahmequelle verschafft zu haben. Er ist mittlerweile in seine Heimat zurück gekehrt, nachdem man ihn in seinem Prozess ohne Ausspruch einer Strafe schuldig erkannt hatte - des einfachen Diebstahls. Für die vermutete Gewerbsmäßigkeit fand der Richter nämlich keine Indizien.

ai: Massive Menschenrechtsverletzung

Wie sein österreichischer Rechtsvertreter Günter Harrich erklärte, nimmt Viorel in Rumänien eine Psychotherapie in Anspruch, die ihm von Amnesty International (ai) finanziert wird. Heinz Patzelt, ai-Generalsekretär in Österreich, hatte die Verhängung der U-Haft über den bisher unbescholtenen 14-Jährigen als "massive Menschenrechtsverletzung" bezeichnet.

Der Prozess gegen die mutmaßlichen Vergewaltiger wird am 15. Jänner fortgesetzt. Dann wird unter anderem auch ein Video zu sehen sein, auf dem Viorel die Übergriffe schildert. Für ihn dürfte sich das anders dargestellt haben als für den Staatsanwalt am heutigen Verhandlungstag. Dieser sprach in diesem Zusammenhang wörtlich von "Vernaschen". (APA)