In der EU herrscht der Grundsatz des freien Warenverkehrs. Der gehört zu den "vier Freiheiten", die einen Teil der philosophischen Grundlage der europäischen Integration bilden (freier Verkehr von Personen, Dienstleistungen, Waren und Kapital innerhalb der EU-Außengrenzen).

Diese Freiheiten sind ein Wohlstandsgarant und als solche gerechtfertigt. Sie tragen auch zur besseren Vernetzung der europäischen Wirtschaften und damit auch zur Stärkung der Union und indirekt auch zur Erzeugung eines Europa-Gefühls bei. Allein das selbstverständliche Reisen, die unzähligen beruflichen, wirtschaftlichen und sonstigen Kontakte sind ein positiver Wert an sich. Die geistigen Väter der "immer engeren Union" hatten das stets im Hinterkopf. Gleichzeitig ist aber auch nicht zu leugnen, dass "in Brüssel" wirtschaftsliberale Ideologen am Werk waren und sind, für die der freie Warenverkehr Priorität vor allem anderen hat.

Und das ist das Stichwort: Österreich hat sich jetzt in der EU mit 14:1 eine blutige Nase geholt, weil man für uns keine Ausnahme mehr machen wollte.

Der freie Lkw-Warenverkehr dröhnt über die französischen Alpenpässe und über die Pyrenäen, warum nicht auch von Deutschland über Österreich nach Italien? (Das Nichtmitglied Schweiz ist genauso betroffen, hat sich aber anders zu helfen gewusst - unter anderem durch zeitgerechten Bahntunnelbau und hohe Mauten). In der EU ist das ebenso, und die Laster stinken und dröhnen ja auch in der norddeutschen Tiefebene oder im Rhonetal oder sonst wo in Europa, wo der Konsument Wert auf eine sensationelle Auswahl ausländischer Käsesorten und auf Shrimps legt, die einst eine Delikatesse für Wohlhabende waren und jetzt Volksnahrungsmittel sind.

Wer in der EU ist, muss das eben akzeptieren, oder?

Nein. Der "freie Warenverkehr" ist kein absoluter Wert, kein übergeordnetes Prinzip, das im Zweifelsfall der Gesundheit der Menschen vorzuziehen ist. Das materielle und das physisch-psychische Wohlergehen sind zumindest gleichwertig. Der Mensch hält (scheinbar) viel aus, und wenn man sich ansieht, wo heute noch Leute ihre schmucken Eigenheime hinbauen, nämlich direkt an einer Hauptverkehrsstrecke, dann fragt man sich, wie es um deren Sensibilität bestellt ist. "I hör' des gar nimmer ", ist oft die Antwort von Menschen, die sich freiwillig oder ohne Widerspruch dem (unnotwendigen) Lärmstress aussetzen - sei es am Arbeitsplatz oder in der lautsprecherbrüllenden Freizeitwelt von den Innenstädten bis zur entlegensten Skistation. Aber sie spüren es nach einer Weile doch, weil der Lärm und Schadstoffe krank machen. Die Kinder spüren es am intensivsten.

Der "freie Warenverkehr" kann und muss daher sehr wohl Regeln unterworfen werden. Das werden auch seine Hohepriester in Brüssel mitsamt den angeschlossenen nationalen Frächterlobbys zur Kenntnis nehmen müssen.

Nur: Die österreichischen Bundesregierungen der letzten zehn Jahre sind die letzten, denen man eine derartige Argumentation abnehmen würde. Sie haben praktisch vom EU-Beitritt an nach der Schlawiner-Methode Politik gemacht: Mir wern uns schon durchschwindeln.

Eben nicht. Statt nun erneut das Opfer des bösen Europa zu spielen, sind die verbliebenen Optionen auszuspielen: strenge Kontrollen (auch der eigenen Stinker), politisches Lobbying für eine spürbare Verteuerung des Lkw-Transports auf europäischer Ebene (Wegekostenrichtlinie) und massivste Investitionen in die Bahn. (DER STANDARD Printausgabe 28.11.2003)