Klosterneuburg - Für den einen ist er eine "schillernde Künstlerpersönlichkeit, die die ganze Welt kennt", für den anderen sind seine Aktionen "barbarisch und abstoßend". Der eine ist Niederösterreichs Landesvater Erwin Pröll, der andere Klosterneuburgs SPÖ-Spitzenkandidat und Stadtrat Peter Hofbauer. Beider Geister scheiden sich nicht bloß am Gesamtkunstwerken des Prinzendorfers Hermann Nitsch. Weit über den hinaus steht das Schaffen der Familie Essl zur Debatte.

Erwin Pröll bemerkte zur Eröffnung der Nitsch-Retrospektive in Essls privat finanzierter Kunstsammlung, der Baumax-Chef würde damit "ein Klima schaffen, das weit über dieses Haus hinausreicht". Hofbauers Fraktion hingegen sieht in Essls Programm eine Fülle teilweise obszöner Darstellungen (Elke Krystufek) und perverser Graffiti gleich denen in öffentlichen WCs (Franz West).

"Entsetzt" und "irritiert" über Einzelaktion

Mit einem Dringlichkeitsantrag im Gemeinderat will er eine Resolution durchsetzen, die Essl auffordert, von solchen Präsentationen Abstand zu nehmen. SP-Kultursprecherin Christine Muttonen zeigt sich "entsetzt" und "irritiert" über die Genossen und beteuert, es wäre eine Einzelaktion, sie werde aber versuchen, die Klosterneuburger Freunde "für das Thema ,Freiheit der Kunst' zu sensibilisieren" und sie auch daran erinnern, dass zum Leben und damit auch zur Kunst "Sexualität einfach dazugehört".

"Fragen stellen - bevor man sich eine Meinung bildet"

Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny rät den Freunden in einem offenen Brief zur Weiterbildung: "Fragen stellen - bevor man sich eine Meinung bildet." Schließlich werde selbst der sportbegeistertste Fan auf dem Fußballplatz die Güte einer Mannschaft besser beurteilen können, je mehr er (oder sie) sich auch mit Regeln, Aufstellungen, Theorie, Taktik, Training und Aufbau beschäftigt hat". Mit dem Hinweis, er hätte eine Institution wie die Sammlung Essl gerne in Wien - "eine Chance, die allerdings vor meiner Amtszeit vertan wurde" -, lädt der Kulturstadtrat seine erregten Genossen abschließend ein, "von der diesbezüglichen Resolution wieder zurückzutreten."

Das sollten die sich ernsthaft überlegen: Schließlich wirbt Peter Hofbauer im Internet mit "sinnvoller Zusammenarbeit mit Wien" als wichtigem Anliegen, und Fraktionsgenosse Umweltgemeinderat Franz Lebeth nennt "Sachpolitik statt unsinniger Streitereien" ebendort als ersten politischen Grundsatz. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29./30.11.2003)