Ich weiß nicht, wer schuld ist. Ich kenne mich in den Geheimnissen des österreichischen Schulsystems zu wenig aus, um schlüssig darlegen zu können, wer es zu verantworten hat, dass mit dem gestrigen 1. Dezember rund 4000 Lehrer und Lehrerinnen zwischen 50 und 55 schlagartig in Frühpension gegangen sind, davon allein in Wien 1075 - was zur Folge hatte, dass besonders in Wien den Klassen vertraute Lehrer plötzlich nicht mehr da waren, Posten nicht nachbesetzt wurden (ob freiwillig oder unfreiwillig) und daher viele Lehrer quer durch die Gegend versetzt wurden.

Die "rote" Stadt Wien sagt, der schwarze Bund ist schuld, der Bund sagt, die Stadt Wien sei selbst schuld. Frau Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer sagte in einem Kurier-Interview zunächst süffisant, sie sei gerne bereit, der Stadt Wien zu zeigen, "wie man so etwas" (die Planung des Lehrermangels) macht, und zweitens, die Frühpensionswelle betreffend, das sei nicht ihre Sache, "die Zuständigkeit liegt nicht in diesem Haus".

Hier halten wir kurz inne und wiederholen: Die Schuldfrage ist hier nicht zu klären. Aber jeder Minister, in dessen Ressort ein derartiges Chaos ausbricht, muss sich nach seinem Amtsverständnis fragen lassen. Ist es wirklich denkbar, dass die Ministerin Gehrer gelassen einem Megapallawatsch präsidiert, der "nicht in meine Zuständigkeit" fällt?

Die Quelle des Problems ist bekannt. Die Regierung muss ein Budget zusammenbringen, Karl-Heinz Grasser muss seinen Ruf retten und deshalb werden einerseits ASVG-Versicherte in ihren Pensionsansprüchen gekürzt und länger in Arbeit gehalten; andererseits will man es sich nicht mit der Stammklientel verderben und deswegen öffentlich Bedienstete noch rasch in die Frühpension entlassen. Die Massenflucht der Lehrer ist laut Gehrer "durch eine Lücke im Sozialplan" entstanden.

Das lückenhafte "Bundesbeamten-Sozialplan-Gesetz", dessen Schlupflöcher für Lehrer die erfahrenen Gewerkschafter blitzartig erkannten, erstellte das Bundeskanzleramt. Was ein Kapitel für sich ist. Dennoch hat Frau Gehrer trotzdem etwas damit zu tun. Denn diese Massenflucht trotz zum Teil beträchtlicher Abschläge zeigt, dass die Lehrer der Schule von heute und ihren immens stressigen Bedingungen blitzartig den Rücken kehren, sobald es nur geht.

Zweitens: Warum hat Frau Gehrer gegen den Sozialplan nicht aufgeschrien? Sie ist schließlich Mitglied jener Regierung, die das in einer Kabinettssitzung abgesegnet hat. Wie schon bei der Kürzung von Schulstunden für wichtige Fächer, die angeblich der Entlastung der Schüler, in Wahrheit aber der Budgetpolitik und der Imagepolitur von KHG dient, hat sich die Ministerin überfahren lassen.

Jetzt aber, wo mitten unterm Schuljahr gröbere Verwerfungen fast mutwillig herbeigeführt werden, hat sie nichts anderes als die "Zuständigkeit, die nicht in diesem Haus liegt" anzubieten. Was denkt sich Elisabeth Gehrer bei einer solchen Aussage? Glaubt sie ernstlich, sie könne sich da fein heraushalten?

Der Zustand der österreichischen Schulen ist hinterfragungswürdig. Ständige Kürzungen und Streichungen, interessanterweise häufig auf dem Gebiet der so genannten klassischen Bildung, aber auch bei den musischen Fächern, gehen Hand in Hand mit ständigen Beteuerungen, wie wichtig es doch sei, dass die Kinder und Jugendlichen optimal für den Wettbewerb in der "Wissensgesellschaft" vorbereitet würden. Irgendetwas stimmt da nicht zusammen. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.12.2003)