In Frankreich ist der Begriff Schule mit dem der Ganztagsschule identisch. Kaum ein Erwachsener stellt das Prinzip der Ganztagsschule infrage. Das Ganztagsschuldenken geht so weit, dass einer Frau, wenn sie ihr dreijähriges Kind nur halbtags in die (freiwillige) Vorschule einschreiben will, entgegnet wird, man nehme die Kinder entweder ganztags oder gar nicht, denn "sie müssen sich ja daran gewöhnen, dass sie spätestens ab sechs Jahren den ganzen Tag in die Schule gehen müssen".

Hast du gut gearbeitet?

Normalerweise besuchen die Drei- bis Sechsjährigen‑ die Vorschule ("école maternelle"). Die Mehrzahl der kleinen Franzosen geht also ab drei Jahren "in die Schule" oder "in die Arbeit", denn der Vorschultag ist fast so durchorganisiert wie der Arbeitstag der Eltern. Und viele Kinder bekommen um 16.30 Uhr beim Abholen zu hören: "Hast du gut gearbeitet?"

Die Schulkantine, die zur selbstverständlichen Einrichtung jeder Schule gehört, ist einer der Eckpfeiler des Systems. Die Kosten für die Kantine müssen von den Familien getragen werden, weniger bemittelte Familien können finanzielle Hilfe beantragen.

Wenn die Erwachsenen das Prinzip der Ganztagsschule akzeptieren, sind die Kinder selbst dagegen kritischer. Die zwölfjährige Armony Péglion würde das Prinzip der Halbtagsschule vorziehen: Sie meint, die Kinder müssten zu viel "Unterricht ertragen". Darum würden sie dann in der Grundschule in den Pausen wie die Irren im Schulhof he^rumrennen und schreien: "Sie müssen sich abreagieren, denn sie sind zu lange in der Klasse eingesperrt." Das Wort "eingesperrt" ist kein Zufall – mehrere Grundschulen im Pariser Nobelviertel Saint-Germain-des-Près ähneln wegen ihrer hohen Mauern um die Schulhöfe eher Gefängnissen als modernen Schulen.

Die Schulpflicht besteht in Frankreich seit 1959 von sechs bis 16 Jahren. Auf drei Jahre Vorschule folgen fünf Jahre Grundschule. Mit zehn Jahren kommen die Kinder in die vierjährige Sekundarschule ("collège"), die sie mit 16 Jahren mit einem speziellen Zeugnis ("brevet") verlassen.

Das dreijährige Gymnasium ("lycée") ist freiwillig und in Orientierungsgruppen unterteilt: eine literarische Ausrichtung, eine wirtschafts- und sozialpolitische und die (vor allem von ehrgeizigen Eltern) heiß begehrte wissenschaftliche Sektion, die – mit Schwergewicht auf Mathematik und Physik – auf die Eliteschulen vorbereitet, wo die hohen Beamten und Manager ausgebildet werden. Frankreichs Schulsystem ist durchgehend zentralistisch strukturiert. Lehr- und Lernprogramme sowie die vorgesehene Wochenstundenzahl sind für jede Klasse vom Unterrichtsministerium festgesetzt.

Auch die "Arbeitsrhythmen" sind vorgeschrieben: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag sind die Kinder und Jugendlichen ganztags ab 8.30 Uhr in der Schule, ab der Sekundarschule bis 17 oder 18 Uhr. Mittwochvormittag haben sie ab der Sekundarschule vier Stunden Unterricht. Der Samstag kann bei Pilotprogrammen (rund 15 Prozent der französischen Schulen) frei sein, dafür werden aber die Sommerferien verkürzt. Alle sieben Wochen gibt es zwei Wochen Ferien. Die Sommerferien dauern zwei Monate.

Obwohl die Theorie selbst im "Lycée" eine Unterrichtsdauer von maximal 30 Wochenstunden vorsieht, hat Armony Péglion mit ihren zwölf Jahren bereits 32 Stunden, plus ein bis zwei Stunden Hausaufgaben täglich. "Unsere Schüler arbeiten mehr als die Restbevölkerung und beschweren sich auch darüber, keine 35-Stunden-Woche zu haben", meint die Deutschprofessorin Erika Steinbach.

Berufstätige Mütter

Eine Folge der Ganztagsschule ist der seit Mitte der Siebzigerjahre enorm angestiegene Anteil an berufstätigen Frauen. Obwohl die Organisation wegen des freien Mittwochs und der häufigen Ferien schwierig ist, ermöglicht das französische Schulsystem der Mehrheit der Mütter, ihren Beruf weiter auszuüben und wirtschaftlich und geistig unabhängig zu bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2003)