Nach einer umstrittenen und bisher unter Verschluss gehaltenen Studie über Antisemitismus ist der Judenhass in den EU-Staaten auf dem Vormarsch. Gewalt und Vorurteile gingen zunehmend auch von arabischen Einwanderern aus, heißt es in der am Mittwoch im Internet veröffentlichten Untersuchung. Juden und jüdische Einrichtungen würden in Deutschland und anderen europäischen Staaten vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts auch von jungen Muslimen und radikal-islamischen Gruppen angegriffen.

Studie im Auftrag der EUMC

Mehrere europäische Medien hatten neben dem deutschen EU-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit (Grüne) sowie den Dachverband jüdischer Organisationen in Frankreich (CRIF) die Studie in das Internet gestellt. Die Wissenschaftler Juliane Wetzel und Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität (TU) Berlin hatten die Studie im Auftrag der in Wien ansässigen Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) verfasst.

Die Wiener Stelle hatte eine Veröffentlichung abgesagt, weil nach ihrer Darstellung der untersuchte Zeitraum zu kurz gewesen und ergänzende Arbeiten notwendig seien. In der Debatte um diese Entscheidung warfen Kritiker der EUMC vor, wegen des Vorwurfs massiv antisemitischer Einstellungen unter arabischen Zuwanderern die Veröffentlichung verhindert zu haben.

Antisemitismus und Judenfeindlichkeit

Die Studie dokumentiert verbale und tätliche Äußerungen von Antisemitismus und Judenfeindlichkeit in den Medien, der Politik oder in der Öffentlichkeit in der ersten Jahreshälfte 2002. Gewalt und Drohungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen wurden ebenso berücksichtigt, wie antisemitische Aussagen, Ergebnisse von soziologischen Untersuchungen zum Antisemitismus oder auch öffentliche Debatten über das Thema.

Im Zusammenhang mit Österreich wird im Bericht vor allem auf anti-israelische Aussagen von rechtsgerichteten Politikern und Journalisten eingegangen, die "mit Antisemitismus in Zusammenhang stehen und aus dem Repertoire antisemitischer Stereotypen schöpfen" - etwa Aussagen des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider (F) zum Vorgehen Israels gegen die Palästinenser. Die Studie hebt besonders hervor, "wie verschwommen die Konzepte von Antisemitismus und anti-israelischer Kritik" in der öffentlichen Diskussion Österreichs seien.

"Qualität sei nicht ausreichend"

Zur Kritik der Wiener Auftraggeber sagte Studien-Mitautor Bergmann in der dänischen Tageszeitung "Politiken": "Das war Ehrabschneidung. Man hat unseren wissenschaftlichen Anstand in Zweifel gezogen." Nach der Ablieferung des Berichtes am 20. Februar habe sich die EUMC weder schriftlich noch mündlich an die Autoren gewandt. "Plötzlich hieß es einfach, die Qualität sei nicht ausreichend. Man hat uns alles Mögliche in die Schuhe geschoben und uns zu Sündenböcken gemacht."

Im Zentrum der Untersuchung zu "Manifestationen von Antisemitismus in der Europäischen Union" steht die Sammlung von Informationen über antisemitische Äußerungen, Vorfälle, Ausschreitungen oder andere Ereignisse zwischen dem 15. Mai und dem 15. Juni 2002. Für zahlreiche EU-Länder stellten die Autoren dabei eine erhebliche Steigerung antisemitischer Aktivitäten gegenüber dem Jahr 2000 fest. In Bezug auf Österreich heißt es (in einer APA-Übersetzung aus dem Englischen): "Extrem rechte und Neo-Nazi-Gruppen haben ihre Aktivitäten seit dem Jahr 2000 intensiviert, ermutigt durch den Wahlerfolg der FPÖ im März 1999."

"Latent antisemitische Haltungen"

Zu den Hintergründen für diese Tendenz heißt es im Text unter anderem: "Antisemitische Vorfälle im Untersuchungszeitraum wurden vor allem entweder von Rechtsextremisten oder radikalen Islamisten oder jungen Muslimen überwiegend arabischer Herkunft begangen, die ihrerseits oft potenzielle Opfer von Ausgrenzung und Rassismus sind." Zur Kritik an der israelischen Politik in den besetzten palästinensischen Gebieten meinen die Autoren, sie mobilisiere "latent antisemitische Haltungen", die es in einigen europäischen Ländern bei einem "großen Prozentsatz" der Bevölkerung gebe.

Als wichtiges Medium zur Ausbreitung antisemitischer Haltungen benennen die Autoren der Studie das Internet, bei dem eine "rapide wachsende" und zunehmende Verknüpfung rechtsradikaler Inhalte mit denen radikaler Islamisten zu beobachten sei. "Bis jetzt haben staatliche Organe der Ausbreitung antisemitischer Propaganda über Europa in Arabisch durch Zeitungen, Audiokassetten oder das Internet zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt."(APA/dpa)