Palma de Mallorca - Direkt am Strand liegen die Lokale "Oberbayern", "Schinkenstraße", "Bierstraße", "Bierkönig" und "Ballermann 6". Tische werden hier mehr zum Tanzen als zum Essen benutzt. Dahinter Bettenburgen aus Beton. Die 60er-und 70er-Jahre lassen grüßen. Dazwischen Tourismus in seiner schrecklichsten Ausformung. Masse ist Schlacht. Bier her, Bier her, oder ich fall' um! Einen Kübel Sangria, aber dalli! Mallorca, Sommer, Sonne, Herzinfarkt.

Wer auf der Baleareninsel Mallorca an dem acht Kilometer langen Strand von Platja de Palma zwischen Pastilla und S'Arenal östlich der Hauptstadt Palma bei der medizinischen Erstversorgung beschäftigt ist, dem dürfte wenig Menschliches fremd sein.

Gerade das seit den frühen Neunzigerjahren vorwiegend von deutschen Pauschal-, Party- und Kampftrinkertouristen zwischen Juni und September genutzte S'Arenal und seine Balnearios, die von 1 bis 15 durchnummerierten Strandlokale an der Uferpromenade (deutsch vereinfachend zum Phänomen Ballermann umgelallt), stehen dank ihres Rufs als kollektive Absturzhütten für die schlimmsten Albträume, die man sich gewöhnlich vom "hässlichen Deutschen" macht. Der ist bekanntlich dem in Rudeln auftretenden, angetrunkenen Österreicher zumindest ebenbürtig.

Laut einem Plan der neuen konservativen mallorquinischen Regierung soll jetzt allerdings Schluss mit lustig sein. Ein aktueller Raumordnungsplan sieht hier nicht nur vor, dass die Strandgegend statt Absturzhütten innerhalb von zehn Jahren einen Park mit riesigen Grünflächen beheimaten soll. Die lokale Presse titelte vollmundig: "Die Stunde des Dynamits hat geschlagen."

Langfristig will man mit einem Finanzierungsplan von gut 900 Millionen Euro statt Minigolf auch lieber für eine noblere Klientel im Hinterland von S'Arenal auf Golf setzen. Klasse statt Masse. Ob der nachhaltige Imageschaden, den die Insel genommen hat, damit behoben werden kann, ist allerdings fraglich. Zum einen meldete Mallorcas Hotellerie massive Bedenken gegen den verordneten Umzug der Herbergsbetriebe weg vom Strand an.

Sie befürchtet einen Wegfall des gesamten Billigtourismus. Zum anderen begrüßt zwar auch die Opposition die neuen Pläne für S'Arenal. Umweltschutzverbände meldeten aber bereits Einspruch gegen die geplante Umwidmung des Hinterlands in touristische Infrastruktur an.

Die Regierung der Balearen hat nicht nur im Oktober die so genannte "Ökosteuer" für Touristen wieder abgeschafft. Die neue Politik sieht auch vor, dass zur Hebung des Niveaus der Infrastruktur nicht nur die Fläche eines Naturparks im Landesinneren drastisch verringert werden soll - inklusive diverser Ausnahmegenehmigungen für Hotelneubauten in Strandnähe. Neben Meeresentsalzungs- und Müllverbrennungsanlagen sowie einer neuen Autobahn soll auch die Kapazität des Flughafens Son Sant Joan auf bis zu 38 Millionen Passagiere pro Jahr verdoppelt werden.

Ein klares Signal, dass der Massentourismus, der die Insel in den vergangenen 40 Jahren reich machte, auch in Zukunft nicht wirklich aufgegeben werden soll.

Das Ende einer Ära

Fakt ist allerdings, dass solche kulturellen Phänomene, wie sie der Mythos vom Ballermann hervorbrachte, demnächst Geschichte sein werden. Statt Kegel- und Fußballvereinen und jungen, kinderlosen Partywütigen, die hier im "Oberbayern" zur stumpfen Musik des am Ballermann groß gewordenen DJ Ötzi feiern oder den abgehalfterten Schlagerstar Jürgen Drews als "König von Mallorca" hochleben lassen, soll hier bald Spaß für die ganze Familie locken.

Eine Ära geht zu Ende. Die besagte, dass es durchaus okay geht, sich ganz selbstverständlich ohne Niveau durchs Leben zu grölen. Ein weiterer Sargnagel für die Spaßkultur wird in Anschlag gebracht. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.12.2003)