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Tatwaffe mit dem dem Kind tiefe Schnittwunden zugefügt wurden

Foto: APA/ Herbert Pfarrhofer
Drei Wochen lang wurde eine Zehnjährige in Wien von ihren Eltern auf fast unvorstellbare Weise misshandelt. Erst nach einer Anzeige durch das Krankenhaus kam man der Tragödie jetzt auf die Spur.

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Wien - Mit einem blauen Auge begann das Martyrium der zehnjährigen Jaqueline, am Samstag endete es mit einer Schnittwunde im rechten Arm, die bis zum Knochen reichte. Dazwischen lagen drei Wochen sadistischer Misshandlungen durch die Stiefmutter und den leiblichen Vater des Mädchens, die erst durch die Polizei beendet wurden. Das Opfer befindet sich in künstlichem Tiefschlaf, die Eltern sind in Haft.

Aufgeflogen ist der furchtbare Fall durch die Anzeige des Krankenhauses. Der 26-jährige Vater hatte seine Tochter Samstagnacht mit einer heftig blutenden Schnittwunde in das SMZ-Ost in Wien gebracht. Den Ärzten erzählte er, seine Tochter sei von einem Unbekannten verschleppt und misshandelt worden.

Eine Lüge, wie sich bald herausstellte. Denn die Untersuchung des Kindes ergab eine Übelkeit erregende Liste an Verletzungen: Schädelfraktur, Serienrippenbrüche, Schnittwunden am Arm, Oberschenkel und Daumen, großflächige Verbrennungen auf Schulter, Hals, Rücken und Intimbereich.

Ewald Ebner vom ermittelnden Kriminalkommissariat Nord ist hörbar angeekelt und fassungslos, wenn er den Fall schildert: "Nach den bisherigen Aussagen hat die Sache vor drei Wochen begonnen. Damals schlugen die Eltern dem Kind ein blaues Auge, danach durfte es nicht mehr in die Schule."

Zehnjährige wurde immer schwerer misshandelt

In der Folge wurde die Zehnjährige immer schwerer misshandelt, die Brandwunden etwa stammen von einem Bügeleisen. "Wir gehen davon aus, dass sie geknebelt worden sein muss, da niemand etwas bemerkt hat, auch die beiden jungen Stiefgeschwister haben sie nur wimmern gehört", schildert Ebner.

Erst nach der letzten Messerattacke bekamen es die Eltern wegen der heftig blutenden Wunde mit der Angst zu tun. Beim Verhör zeigte sich die mutmaßliche Haupttäterin, die 26 Jahre alte, hochschwangere Stiefmutter wieder abgebrüht. Es seien "Er- ziehungs- beziehungsweise Züchtigungsmaßnahmen" gewesen, rechtfertigte sie die Gewaltexzesse. Die elterliche Wohnung durfte das Kind nicht verlassen, tagsüber war es mit Klebeband gefesselt, in der Nacht auf dem Lattenrost des Bettes festgezurrt.

Ahnungslose Schule

In der Volksschule, in die das im September aus Serbien zu seinem Vater gekommene Kind ging, ahnte man nichts von den Vorgängen. "Das Kind wurde im November vom Vater für zwei Wochen entschuldigt, mit der Begründung, es müsse zur sterbenden Großmutter fahren", schildert der Pressesprecher des Wiener Stadtschulrates.

Nach Ablauf dieser Zeitspanne kam der Vater neuerlich, um die Frist zu verlängern; als sich die Schule weigerte, meldete er es mit dem Argument, "das Kind würde in Serbien bleiben", ab. Dies komme bei im Ausland geborenen Kindern häufiger vor; da es zuvor keinerlei Spuren von Gewaltanwendung gegeben habe, sei niemand der Sache nachgegangen. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe 5.12.2003)